fasti festival a.d. viii kal. avgvstas · wiederkehrendes fest 25 · juli roma

die göttin, die alle vergessen hatten

fvrrinalia

jeden 25. juli feierte rom die furrinalien, das öffentliche fest einer göttin mit eigenem heiligem hain und eigenem priester, von der niemand mehr etwas wusste. varro gestand, dass zu seiner zeit kaum noch jemand ihren namen aussprechen konnte.

archäologische überreste auf dem gianicolo, rom, am standort des antiken lucus furrinae — des heiligen hains der göttin furrina — mit dem darüber errichteten syrischen isis-tempel aus dem 4. jahrhundert
lalupa · cc by-sa 3.0

im alten rom gab es einen offiziellen festtag, der einer göttin gewidmet war, von der niemand mehr auch nur das geringste in erinnerung hatte.

es geschah an einem tag wie heute, jeden 25. juli. rom unterbrach einen teil seiner geschäftigkeit, um die furrinalias zu feiern, das öffentliche fest der göttin furrina — eine der feriae publicae, der festen feiertage im offiziellen staatskalender. und es war kein kleiner viertelskult: sie hatte einen eigenen heiligen hain auf dem hügel des janiculum, jenseits des tibers, und sogar einen ausschliesslich ihr geweihten priester — einen niederen flamen, einen der zwölf, die zusammen mit den drei höheren flamines den ältesten und dunkelsten gottheiten der stadt dienten. das problem ist: schon in der späten republik wusste kaum jemand mehr, wer furrina war oder wofür man ihr zu danken hatte.

wir wissen es von einem erstklassigen zeugen. der gelehrte varro hielt in seiner abhandlung über die lateinische sprache fest, dass zu seiner zeit kaum eine handvoll menschen den namen der göttin überhaupt auszusprechen wusste und sich niemand mehr erinnerte, wovon sie göttin war. und dennoch — fügte er hinzu — war ihre ehre in alten zeiten gross gewesen: nicht umsonst hatte man ihr jährliche riten und einen eigenen priester zugewiesen. die einen hielten sie für eine gottheit der gewässer, wegen der quelle, die in ihrem hain entsprang; die anderen für eine der unterwelt. ihre wahre natur war aus dem gedächtnis roms selbst getilgt worden.

rom zog es vor, den kult eines leeren namens zu bezahlen, statt zu riskieren, aus nachlässigkeit einen vergessenen gott zu beleidigen.

dieser nebel hinterliess eine unheilvolle spur. einige antike quellen nannten ihren hain sogar “den hain der furien” und verwechselten furrina wegen der ähnlichkeit des namens mit den rachegöttinnen. und genau dort, in jenem winkel des janiculum, endete im jahr 121 vor unserer zeitrechnung eine der bittersten geschichten der republik: gaius gracchus, nach dem gemetzel an seinen anhängern in die enge getrieben, überquerte den tiber, die feinde dicht auf den fersen — plutarch berichtet, dass seine beiden letzten freunde auf der brücke zurückblieben und ihr leben teuer verkauften, um ihm ein paar meter zu verschaffen — und befahl einem vertrauten sklaven, ihn zu töten. die göttin, an die sich niemand erinnerte, gab dem ort ihren namen, an dem der letzte der gracchen starb.

die historiographische feinheit gleicht hier fast einem spiegelspiel: die wichtigste quelle über furrina ist ausgerechnet ein eingeständnis der unwissenheit. das wenige, das die modernen forscher — von wissowa an — rekonstruieren können, deutet auf eine archaische gottheit hin, wohl an das wasser ihrer quelle gebunden; das mit dem “hain der furien” ist volksetymologie, keine theologie. von kaum einem römischen gott wissen wir so wenig; von kaum einem wissen wir hingegen so genau, wie viel bereits in der antike vergessen worden war.

und dennoch wurde das fest weiter gefeiert, jahr für jahr, vom staat bezahlt. in einer stadt, die vom ritus beherrscht wurde, war es besser, ein gespenst zu ehren, als es zu reizen. zweitausend jahre später hat das vergessen den kreis geschlossen: das einzige, woran sich bei furrina fast alle erinnern, ist, dass schon die römer sich nicht mehr an sie erinnerten.

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fontes classicae.

  1. i. varro · de lingua latina vi, 19
  2. ii. plutarch · vidas paralelas · cayo graco 17

moderne bibliografie.

  1. i. h. h. scullard · festivals and ceremonies of the roman republic
  2. ii. georg wissowa · religion und kultus der römer

transitus

dídac
⁕ über den autor ⁕

dídac

softwareentwickler, geschichtsvermittler. schreibt über antike politische geschichte und über die wut, die sein eigenes jahrhundert in ihm auslöst. baut im internet eine encyclopædia romana — und ein paar räume mehr.