fasti person
dasselbe jahr · jede zeitrechnung
n.chr.
430 n.chr.
u.z.
430 u.z.
a.u.c.
mclxxxiii
b.p.
1.520
holozän-ära
10.431
olympiade
302. · jahr 3
anno mundi
4.192
28 · august hippo regius

augustinus und die psalmen an der wand

obitus augustini hipponensis

am 28. august 430 starb der bischof von hippo im dritten monat einer vandalischen belagerung. wer davon berichtet, war in der stadt: possidius, sein freund seit fast vierzig jahren, blieb die ganze belagerung hindurch bei ihm.

fresko des heiligen augustinus in seinem studierzimmer: der bischof, die hand auf der brust, zwischen büchern, einer armillarsphäre und seiner mitra
sandro botticelli · kirche ognissanti, florenz · gemeinfrei

am 28. august 430, im dritten monat einer belagerung, starb der bischof von hippo in seinem bett. das datum liefert prosper von aquitanien, der in seiner chronik vermerkte, aurelius augustinus, «in allem ein höchst vortrefflicher bischof», sei am fünften tag vor den kalenden des september gestorben. die stadt war seit dem beginn jenes sommers von den vandalen eingeschlossen, und sie sollte noch fast ein jahr länger aushalten.

was wir über jene monate wissen, stammt nicht von einem fernen chronisten. possidius, bischof von calama und sein freund seit fast vierzig jahren, floh mit anderen bischöfen der gegend nach hippo und blieb dort die ganze belagerung hindurch; er sagt es selbst in der vita augustini, wenige jahre später geschrieben. er ist augenzeuge, und das gehört ausgesprochen, denn für die spätantike ist es ein seltener luxus. possidius berichtet, augustinus sei im dritten monat der belagerung ins fieber gefallen, er habe die kürzesten bußpsalmen abschreiben und die blätter an die wand neben sein bett hängen lassen, um sie zu lesen und zu weinen, und er habe etwa zehn tage vor dem ende gebeten, niemand solle mehr eintreten außer den ärzten und wer ihm das essen brachte. am ende des buches macht possidius die rechnung: sechsundsiebzig lebensjahre, fast vierzig davon als priester oder bischof.

prosper widerspricht dem nicht, bewahrt aber eine andere szene: augustinus sei gestorben, «während er auf die bücher julians antwortete, mitten im ansturm der belagernden vandalen». der sterbende der psalmen war zugleich ein polemiker, der die feder nicht aus der hand legte, und seine erwiderung an julian von eclanum blieb unvollendet. beide bilder zeigen denselben mann, und nur das erste zu behalten heißt, die bequemere hälfte zu behalten.

er starb nicht in betrachtung des weltendes: er starb, während er einen bischof korrigierte, der ihm widersprach.

die belagerer waren 429 unter geiserich von spanien nach nordafrika übergesetzt. man nennt sie arianer, und hier verdient etwas eine einschränkung, worüber die populäre darstellung gern hinweggeht: «arianisch» ist das etikett, das ihnen die nizänische seite anhängte, nicht der name, den sie selbst benutzten, und es deckt eher ein spektrum von positionen über den rang des sohnes ab als ein parteibuch. prokop von caesarea, der ein jahrhundert später in konstantinopel schreibt, erzählt, eingeladen habe sie der comes bonifatius, ein mit dem hof von ravenna zerstrittener statthalter. die geschichte ist von jeder seite her verdächtig — sie erklärt eine niederlage durch verrat, der älteste reflex der römischen geschichtsschreibung — und possidius selbst, der drinnen war, sagt, hippo sei von bonifatius mit einem heer verbündeter goten verteidigt worden.

zwanzig jahre zuvor, als die goten alarichs rom plünderten, hatte die heidnische welt das christentum für die katastrophe verantwortlich gemacht. augustinus antwortete mit dem gottesstaat, 413 begonnen und erst mehr als ein jahrzehnt später abgeschlossen: keine antwort in der eile. das erste buch beginnt damit, den römern, die nun die christlichen zeiten schmähen, in erinnerung zu rufen, dass sie überlebten, weil die barbaren die basiliken verschonten, in denen sie sich versteckt hatten. das argument dahinter lautete, keine irdische stadt habe bestand. als er es schrieb, lag die stadt, die keinen bestand hatte, tausend kilometer entfernt.

nun die historiographische einschränkung, die man nicht überspringen sollte: hippo fiel nicht im sturm. possidius sagt, die belagerung habe «fast vierzehn monate» gedauert, auch der zugang zum meer sei abgeschnitten worden, und erst nach augustins tod sei die von ihren einwohnern verlassene stadt vom feind niedergebrannt worden. prokop erzählt es anders: die vandalen hätten die belagerung aufgegeben, weil sie die stadt weder mit gewalt noch durch übergabe nehmen konnten und selbst vom hunger bedrängt wurden. das sind zwei verschiedene ausgänge, und in keinem steht eine durch bresche geöffnete mauer. keine der drei quellen, die die belagerung erzählen — possidius, prosper, prokop —, erwähnt einen sturmbock: was sie beschreiben, ist eine blockade.

bleibt, was tatsächlich gerettet wurde. possidius schreibt, augustinus habe immer wieder angeordnet, die bibliothek der kirche und alle bücher sorgfältig für die nachkommenden zu bewahren, und er selbst beschloss die vita mit einem indiculus, einem verzeichnis der werke, predigten und briefe, samt der anweisung, die abschriften in der bibliothek der kirche von hippo zu suchen, wo die besten lägen. die stadt brannte; das verzeichnis nicht. fünfundzwanzig jahre später sollten dieselben vandalen in rom einziehen und es vierzehn tage lang ausräumen, und da war der mann, der geschrieben hatte, kein irdisches reich sei ewig, seit einem vierteljahrhundert tot, und seine bücher liefen durch das halbe mittelmeer.

@yodidac · tiktok augustinus und die psalmen an der wand abspielen
@yodidac
⁕ ⁕ ⁕ apparat ⁕ ⁕ ⁕

fontes classicae.

  1. i. possidius von calama · leben des heiligen augustinus kap. xxviii-xxxi
  2. ii. prosper von aquitanien · epitoma chronicon s. a. 430, §1304
  3. iii. prokop von caesarea · geschichte der kriege iii, 3 und 5.18-19
  4. iv. augustinus von hippo · der gottesstaat buch i, vorrede und 1

moderne bibliografie.

  1. i. andy merrills und richard miles · the vandals
  2. ii. peter brown · die welt der spätantike

transitus

dídac
⁕ über den autor ⁕

dídac

geschichtsvermittler. schreibt über antike politische geschichte und über die wut, die sein eigenes jahrhundert in ihm auslöst. baut im internet eine encyclopædia romana — und ein paar räume mehr.