das wort vandalismus entstand aus einem missverständnis. als geiserich, könig der vandalen, anfang juni des jahres 455 in rom einzog, zerstörte er die stadt nicht aus bloßem rausch: er leerte sie mit der kühle eines mannes, der inventur macht. zwei wochen lang nahmen seine männer schätze herab, schmolzen prunkstücke ein und verschifften geiseln, während rom, eine hauptstadt ohne heer, zusah und nichts tun konnte.
um zu verstehen, warum die stadt so wehrlos war, muss man bis 439 zurückgehen, als geiserich karthago im überraschungsschlag genommen hatte. mit ihr gewann er die kornkammer des westens und die beste flotte des mittelmeers. von nordafrika aus konnten die vandalen den getreidenachschub abschneiden, der italien ernährte, und landen, wo immer es ihnen beliebte. rom hingegen war kein militärisches zentrum mehr: die reale macht war nach ravenna — kaiserliche residenz seit 402 — und nach konstantinopel verlagert worden. die aurelianischen mauern standen noch, imposant, doch hinter ihnen blieb kaum eine garnison. die stadt war inzwischen, wie man zu sagen pflegt, ein monumentales museum, bewohnt von aristokraten.
der auslöser war eine dynastische krise. im märz 455 war kaiser valentinian iii. ermordet worden, und der senator petronius maximus riss den thron an sich, indem er die witwe, die augusta licinia eudoxia, zur ehe zwang. geiserich befand, dass der pakt, der ihn an das kaiserhaus band, erloschen sei, und stach in see, dem tiber entgegen. die überlieferung fügt hinzu, dass eudoxia selbst ihn heimlich gerufen habe, um sich an maximus zu rächen; es gilt anzumerken, dass diese von prokopios festgehaltene fassung zweifelhaft ist und nach einer nachträglich erfundenen romantischen legende riecht. gewiss ist, dass maximus, von panik ergriffen, zu fliehen versuchte und tage vor dem anlegen der flotte vom mob gelyncht wurde.
hier erscheint die berühmteste szene und zugleich die in dokumentarischer hinsicht zerbrechlichste. der kirchlichen überlieferung zufolge, die prosper von aquitanien festhält, trat papst leo i. an die stadttore, um mit geiserich zu verhandeln, und rang ihm das versprechen ab, rom nicht in brand zu setzen, seine einwohner nicht zu massakrieren und sie nicht zu foltern. es ist dieselbe geste, die die legende leo zwei jahre zuvor vor attila zuschreibt. man sollte sie mit vorsicht lesen: prosper ist knapp, und die populäre vermittlung neigt dazu, sowohl die beredsamkeit des papstes als auch ihre tatsächliche wirkung aufzublähen. dass geiserich die stadt nicht niederbrannte, mochte weniger an der päpstlichen redekunst gelegen haben als am schlichten kalkül eines methodischen plünderers, dem das feuer nur die beute ruiniert.
sie brauchten die ewige stadt nicht in brand zu stecken, um sie zu löschen: es genügte, sie stückweise fortzutragen, ein schiff nach dem anderen, vierzehn tage lang.
denn die plünderung, das schon, war erschöpfend. victor von tunnuna, der prospers chronik fortsetzte, fasst die episode in einem schaurigen satz zusammen: die vandalen beraubten rom in vierzehn tagen all seiner schätze. prokopios beschreibt die beute im einzelnen. vom kapitol rissen sie die hälfte der vergoldeten bronzeziegel ab, die den tempel des jupiter optimus maximus bedeckten. aus dem kaiserpalast kamen das gold, das silber und das mobiliar mehrerer jahrhunderte. und aus dem templum pacis — dem tempel des friedens, wo vespasian die beute jerusalems niedergelegt hatte, nachdem er deren tempel im jahr 70 zerstört hatte — trugen sie die siebenarmige menora und den tisch der schaubrote fort, die heiligen reliquien des judentums, die seit dreieinhalb jahrhunderten in rom ausgestellt waren.
die beute beschränkte sich nicht auf metalle. geiserich verschiffte nach karthago die kaiserin licinia eudoxia und ihre beiden töchter, eudocia und placidia, als pfand für künftige abkommen festgehalten. und mit ihnen, so prokopios, tausende gefangener, unter denen der könig sorgfältig handwerker und techniker auswählte: einem jungen königreich in afrika waren lebende ingenieure mehr wert als eine marmorstatue. der hinweis zählt: was die spätere legende zu reiner barbarei verzerrte, folgte einer administrativen logik. die vandalen wollten weder italien regieren noch rom von der landkarte tilgen; sie wollten kapital, qualifizierte arbeitskräfte und verhandelbare geiseln.
der epilog trägt eine lange ironie. fast achtzig jahre später, 533-534, zerschlug der byzantinische general belisar das vandalenreich und plünderte seinerseits karthago. unter dem geborgenen schatz, berichtet prokopios — der dabei war, im gefolge belisars —, tauchten die reliquien des tempels von jerusalem wieder auf, die nach konstantinopel reisten, um im triumph justinians mitzuziehen. das rom entrissene gold hatte abermals den besitzer gewechselt. was keine beute zurückgeben konnte, war das, was jene vierzehn tage klargemacht hatten: dass die stadt, die sich selbst die ewige nannte, wie ein schrank ausgeräumt werden konnte und dass das weströmische reich, nun ohne getreide, ohne flotte und ohne verteidigung, keine generation mehr brauchen würde, um ganz zu erlöschen.

