der gründer roms starb nicht in seinem bett. nach der offiziellen lesart löste er sich in luft auf, mitten in einem sturm von den göttern entrückt. das gerücht, das durch die gassen lief, erzählte etwas anderes: er sei ermordet worden, und das wunderbare verschwinden sei das alibi gewesen, das der senat dem volk auftischte.
die überlieferung datiert das ende des romulus auf die mitte des 8. jahrhunderts, nach fast vierzig regierungsjahren. mit der zeit, so der bericht, war der erste könig zum autokraten geworden: er regierte über den senat hinweg und verachtete jene versammlung der patres, die er selbst geschaffen hatte. eines tages, als er auf dem marsfeld an der ziegenlache (palus caprae) seine truppen musterte, brach ein plötzlicher sturm los, und die finsternis verschluckte den himmel. als das licht zurückkehrte, war der thron leer. romulus war verschwunden.
die senatoren schworen, romulus sei in den himmel aufgestiegen. das volk glaubte es. doch durch die gassen lief eine viel irdischere lesart.
die senatoren verkündeten unverzüglich, romulus sei in den himmel erhoben und in den gott quirinus verwandelt worden. die version kam allen gelegen: sie schenkte rom einen vergöttlichten gründer und schloss die episode ohne schuldige. doch die beiden lesarten bestehen schon in der antiken überlieferung selbst nebeneinander: livius (i.16) deutet das finsterere raunen an, plutarch (romulus 27) und dionysios von halikarnassos (ii.56) führen es aus. der verdacht: die senatoren, des tyrannen überdrüssig, hätten ihn unter dem schutz des sturms umringt, erstochen, den leichnam zerstückelt und ihn stück für stück verborgen unter ihren togen hinausgetragen, ohne dass die wache etwas bemerkte. wäre das wahr, so wäre der tod des ersten königs roms zugleich auch der erste königsmord roms gewesen.
ob apotheose oder verbrechen — das ergebnis war ein machtvakuum, mit der stadt am rand eines bürgerkriegs zwischen der römischen und der sabinischen fraktion. die lösung war ebenso klug wie aufschlussreich: um den thron keiner der beiden seiten zu überlassen, wählten sie einen neutralen auswärtigen, einen sabiner mit dem ruf der frömmigkeit und der besonnenheit, numa pompilius. und wenn romulus der könig des schwertes gewesen war, so sollte numa der könig des altars werden.
numa hatte eines begriffen: ein volk, das aus flüchtlingen und kriegern hervorgegangen ist, regiert man nicht allein mit gesetzen, sondern mit der furcht vor den göttern. um seinen reformen autorität zu verleihen, liess er verbreiten, er empfange unmittelbaren rat von einer nymphe, egeria, in einem heiligen hain. unter dem schirm dieses übernatürlichen auftrags errichtete er fast aus dem nichts die religiöse architektur des römischen staates: er rief das pontifikalkollegium ins leben — dessen oberhaupt schliesslich pontifex maximus heissen sollte —, ordnete die priesterkollegien und gab dem kult der vestalinnen seine institutionelle gestalt — den er der überlieferung zufolge aus alba longa mitbrachte, wo vesta bereits verehrt wurde. auch reformierte er, so der bericht, den chaotischen kalender, um die bürgerliche zeit mit der religiösen in einklang zu bringen.
der eigentliche sinn der episode liegt im gegensatz zu seinem vorgänger. die überlieferung zeigt rom von beginn an zwischen zwei polen schwankend — krieg und gesetz, mars und ianus — und numa als beweis dafür, dass die stadt innezuhalten wusste, um institutionen zu errichten, wenn es nötig war. dreiundvierzig jahre, so heisst es, regierte er, ohne das schwert auch nur ein einziges mal zu ziehen: ein langes zeitalter gesetzgeberischen und religiösen friedens.
hier ist ein skeptischer blick angebracht, und es ist die chronologie selbst, die dazu einlädt. die überlieferung verdichtet die gesamte monarchie auf sieben könige im laufe von rund zweieinhalb jahrhunderten, was zu regierungszeiten von unwahrscheinlicher dauer führt — im schnitt über dreissig jahre — und verteilt die institutionen roms mit verdächtiger sauberkeit unter ihnen: romulus der gründer und das heer, numa die religion und so weiter. moderne historiker vermuten, dass diese sieben könige in wahrheit eine viel grössere zahl von herrschern in sich verdichten, oder dass ihre biografien spätere konstruktionen sind, die den ursprung jeder institution rückwirkend auf eine vorbildliche figur projizieren. numa ist in diesem sinne weniger ein mensch als ein sinnbild: der archetyp des frommen gesetzgebers, dem rom in einem zug die fundamente seines religiösen lebens zuschrieb. seine erinnerung war so stark, dass sich jahrhunderte später kaiser augustus als ein neuer numa darstellen sollte, als wiederhersteller der frömmigkeit und des friedens nach den bürgerkriegen.
doch rom war aus blut geboren, und die ruhe langweilte es schliesslich. der nächste könig sollte die stadt aufs schlachtfeld zurückführen — und das auf die seltsamste denkbare weise: indem er die zukunft zweier völker auf einen zweikampf auf leben und tod setzte.