in einer gesellschaft, in der jede frau rechtlich einem mann unterworfen lebte, gab es eine handvoll, die macht und unabhängigkeit genossen, wie sie in der ganzen antiken welt ohne beispiel waren. so sehr, dass sie einen zum tode verurteilten begnadigen konnten, wenn sie ihm bloss zufällig auf der strasse begegneten. es waren die vestalinnen, die priesterinnen des heiligen feuers roms.
die überlieferung führt ihre stiftung auf numa pompilius zurück, den könig-gesetzgeber, der die staatsreligion im 7. jh. v.u.z. ausformte. um ihre ausnahmestellung zu ermessen, braucht es den kontrapunkt: die gewöhnliche römerin verbrachte ihr ganzes leben unter der patria potestas des vaters und danach oft unter der autorität des ehemanns, ohne eigene geschäftsfähigkeit. die vestalin dagegen wurde im augenblick ihrer weihe von dieser vormundschaft befreit. sie war emanzipiert, konnte testieren, eigenes vermögen besitzen und verwalten. im archaischen rom grenzte das ans undenkbare.
ihr auftrag jedoch war von erdrückender strenge. sie mussten tag und nacht das feuer im tempel der vesta brennen halten, den symbolischen herd der stadt. rom glaubte, dass diese stadt fortbestehen würde, solange jene flamme brannte; erlosch sie, war der ganze staat der katastrophe ausgeliefert. das überleben roms auf den schultern zu tragen, blieb nicht ohne entgelt: die vestalinnen verfügten über vermögen, hatten liktorische eskorte, nahmen ehrenplätze bei den spielen ein und verwahrten testamente und heilige urkunden. das privileg der begnadigung war real und sehr konkret: stiess eine vestalin zufällig auf einen verurteilten, der zur hinrichtung geführt wurde, war dieser frei — vorausgesetzt, die begegnung war nicht eingefädelt.
laut plutarch tötete der staat sie nicht: er mauerte sie lebendig ein mit lampe, brot und wasser und liess die dunkelheit die arbeit tun. so umging er das tabu, ihr blut zu vergiessen.
doch in dieser macht steckte eine furchtbare falle. der preis des privilegs war das gelübde absoluter keuschheit über die dreissig dienstjahre hinweg. das feuer erlöschen zu lassen war ein schweres, aber behebbares vergehen: die vestalin wurde ausgepeitscht und die flamme wieder entzündet. das reinheitsgelübde zu brechen war dagegen etwas ganz anderes: es galt als incestum, ein hochverrat gegen rom selbst, fähig, den zorn der götter über die ganze stadt zu bringen. und hier stiess der staat auf ein erschreckendes juristisches problem: es war streng verboten, das blut einer vestalin zu vergiessen, sie aber einfach zu töten, war undenkbar. die lösung war eine makabre rituelle leerstelle. plutarch (leben des numa 10) beschreibt, wie die verurteilte in eine unterirdische kammer eingeschlossen wurde, ausgestattet mit einer lampe, etwas brot und wasser; die treppe wurde entfernt und der eingang mit erde versiegelt. technisch gesehen richtete rom sie nicht hin: es liess sie in der dunkelheit verschwinden, ohne einen tropfen ihres blutes zu vergiessen. dabei ist zu bedenken, dass die lebendige bestattung ein äusserst seltener ritus war — kaum ein dutzend belegter fälle über jahrhunderte —, von der modernen geschichtsschreibung als sühne in krisenmomenten gelesen, nicht als routinestrafe.
ein detail, das oft falsch erzählt wird, sei hier zurechtgerückt: dieser ort der lebendigen einmauerung, der campus sceleratus, lag nicht «ausserhalb», sondern genau innerhalb des bezirks, neben der porta collina, an der grenze des pomerium, der heiligen stadtgrenze. die geografie war teil des grauens. die vestalin musste innerhalb der heiligen stadtgrenze sterben — denn ihr gehörte sie an —, doch ohne dass rom sich die hände mit ihrem tod beschmutzte. die einmauerung erfüllte beide forderungen zugleich.
die vestalinnen verkörpern so das paradox des platzes der frau in rom: höchste juristische freiheit und höchste symbolische macht standen seite an seite mit der absolutesten kontrolle über körper und verhalten. sie waren unantastbar und zugleich die am strengsten überwachten der stadt. ihre existenz zeigt, wie untrennbar römische religion und staat waren: das feuer eines tempels war keine privatsache einiger priesterinnen, sondern eine infrastruktur des nationalen überlebens. dieselbe besessenheit, das unsichtbare zu verwalten — die gunst der götter, das schicksal, die zeit —, würde rom zu einer seiner kuriosesten verwerfungen führen: einem kalender, den die politik so weit manipulierte, bis er mathematisch zerbrach.