während der am meisten gefürchtete feind seiner geschichte frei durch italien zog, antwortete rom mit einer ungewöhnlichen idee: es befahl seinen bürgern, sich festlich zu kleiden und ein fest zu feiern.
es geschah an einem tag wie heute, am 5. juli des jahres 212 vor unserer zeitrechnung. rom blutete schon seit jahren. hannibal barkas hatte auf italischem boden ein heer nach dem anderen vernichtet — sein schwerster schlag, cannae, lastete noch immer wie ein mühlstein — und die moral der stadt war gebrochen. capua, die zweitgrösste stadt italiens, war nach der katastrophe auf die karthagische seite übergelaufen, und jeder frühling brachte dieselbe frage: was würde als nächstes fallen. in diesem klima kamen die carmina marciana ans licht, prophetische verse, die einem seher namens marcius zugeschrieben wurden. einer von ihnen — so hiess es — hatte die katastrophe von cannae angekündigt. der andere verschrieb das heilmittel: die gründung von spielen zu ehren des apollo, die ludi apollinares. der senat schickte, bevor er sich festlegte, die decemvirn, um die sibyllinischen bücher zu befragen, die offiziellen weissagungen des staates. und die bücher bestätigten das heilmittel.
apollo war keine zufällige wahl. rom verehrte ihn als gott der weissagung und vor allem der heilung: sein einziger tempel in der stadt war mehr als zwei jahrhunderte zuvor gegen eine seuche errichtet worden. er war genau der schutzpatron, den ein volk brauchte, das vom krieg genesen wollte. der stadtprätor — der magistrat, der in der stadt recht sprach — veranstaltete die ersten spiele, und das war kein stilles gebet: ganze tage voller wagenrennen und theateraufführungen, vom staat bezahlt, wobei die menschen bekränzt und verpflichtet waren, öffentlich zu feiern.
weiterzufeiern war zugleich eine art, keine furcht zu zeigen.
der beweis kam ein jahr später. im jahr 211 marschierte hannibal endlich auf rom. er kam nicht, um es zu stürmen — noch immer fehlten ihm belagerungsmaschinen —, sondern als scheinmanöver: rom hatte capua belagert, um dessen abfall zu bestrafen, und hannibal wollte die legionen, die es erdrosselten, zwingen, ihre beute loszulassen. er ritt mit zweitausend reitern bis zum kollinischen tor, in voller sichtweite der mauern. und livius berichtet, dass die spiele des apollo nicht unterbrochen wurden, während der alarm um sich griff und die männer zu den zinnen liefen. die stadt tat beides zugleich: sie besetzte die mauern und hielt das fest aufrecht.
nun der übliche historiographische vorbehalt. eine prophezeiung, die cannae “ankündigt” und die ausgerechnet direkt nach cannae ans licht kommt, riecht nach genau dem, wonach es aussieht: historiker nennen dies eine prophezeiung post eventum, die rückwirkende beglaubigung eines gelegenen textes. wir werden nie erfahren, wie viel politisches theater in dem fund steckte: ein senat, der hoffnung geben musste, fand, überaus gelegen, einen text, der befahl, sie herzustellen. livius schreibt zudem fast zwei jahrhunderte später. ausser zweifel steht das institutionelle: die spiele wurden gefeiert, sie wurden wiederholt, und im jahr 208 legte ein gesetz sie, infolge einer seuche, für immer auf ein datum im juli fest, jahr für jahr.
die spiele überlebten hannibal und die republik selbst, die sie als notheilmittel gegründet hatte. denn sie waren keine blosse ablenkung: sie waren die art, sich davon zu überzeugen, dass apollo weiterhin auf roms seite stand. und solange sie das glaubten, würde sich kein römer ergeben. der schluss lässt wenig spielraum: karthago hatte den besten feldherrn der welt; rom hatte einen festkalender. gewonnen hat der kalender.