der letzte ernsthafte plan, das römische reich seinen alten göttern zurückzugeben, wurde nicht durch ein wunder zunichtegemacht, sondern durch einen wurfspieß, dessen herkunft niemand je erklären konnte. am 26. juni 363, irgendwo im tigristal südlich des heutigen samarra, fiel der kaiser flavius claudius iulianus —julian, den die christliche nachwelt “der apostat” taufen würde— mit aufgerissener flanke vom pferd, während eines rückzugs, der sich längst in eine agonie verwandelt hatte. er war einunddreißig jahre alt.
julian war eine seltenheit auf dem thron: ein intellektueller von neuplatonischer bildung, aufgewachsen im schatten von konstantins christlicher familie und später heimlich dem christentum entfremdet. als er 361 an die macht kam, verfolgte er die christen nicht mit kerkern und scheiterhaufen —dieses drehbuch sollte später kommen—, sondern mit bürokratie. er öffnete die tempel wieder, stellte die öffentlichen opfer wieder her, versuchte dem heidentum eine organisierte priesterhierarchie nach dem vorbild der kirche zu geben und entzog den christlichen lehrern das recht, die klassiker zu unterrichten. die idee war subtil: nicht den neuen glauben zu zerschlagen, sondern dem alten pantheon die institutionelle maschinerie zurückzugeben, die es tausend jahre lang am laufen gehalten hatte.
um dieses vorhaben zu sichern, brauchte er das ansehen, das nur der krieg verleihen konnte. im frühling 363 führte er ein gewaltiges heer gegen das sasanidenreich, zog den euphrat hinab und erreichte die tore von ktesiphon, der persischen hauptstadt. doch er konnte sie nicht einnehmen. mit überdehnten nachschublinien, unerbittlicher hitze und einem könig schapur ii., der sich weigerte, eine feldschlacht zu liefern, befahl julian den rückzug auf römisches gebiet. da brach der feldzug zusammen: die persische reiterei bedrängte die kolonne ohne unterlass, der hunger drückte, und jeder tagesmarsch kostete männer. ammianus marcellinus, der als offizier in jenem heer diente und somit augenzeuge ist, schildert jene tage mit der trockenen präzision eines mannes, der sie durchlebt hat.
am 26. juni brach eines jener gefechte zugleich in der vorhut und in der nachhut aus. julian, so ammianus, sprengte so überstürzt hinaus, um die linien zu ordnen, dass er nicht innehielt, um seinen panzer anzulegen. im durcheinander streifte eine reiterlanze seinen arm, durchbohrte seine rippen und blieb im unteren leberlappen stecken. man trug ihn ins kaiserliche zelt, wo sein arzt —der berühmte oreibasios von pergamon— die wunde zu nähen versuchte. es war vergeblich: er starb in derselben nacht.
ammianus, der dabei war, schrieb, der wurfspieß sei “man weiß nicht woher” gekommen. der ehrliche satz eines zeugen wurde zum leerraum, den jede seite nach ihrem geschmack füllte.
nun die geschichtswissenschaftliche nuance, die genau das herz dieser geschichte ist. wer schleuderte den wurfspieß? ammianus, die zuverlässigste quelle und der einzige augenzeuge, gesteht, dass er es nicht weiß: incertum unde, schrieb er, “man weiß nicht woher”. und über diesem vakuum entbrannte sogleich eine propagandaschlacht. heidnische autoren wie zosimos hielten es für einen persischen schlag oder, schlimmer, für einen verrat; der rhetor libanios, freund und lobredner julians, ging so weit zu behaupten, der mörder sei ein christ aus den eigenen reihen gewesen, empört über die hingabe des kaisers an die götter. die spätere christliche geschichtsschreibung —sozomenos unter ihnen— nahm diese version begeistert auf und machte sie zur göttlichen strafe. andere deuteten auf einen sarazenischen arabischen hilfssoldaten in persischen diensten. die wahrheit ist, dass keine dieser zuschreibungen bewiesen werden kann: der wurfspieß bleibt anonym, und es ist ratsam, der versuchung zu widerstehen, ihm einen urheber zuzuweisen, den die quellen nicht erlauben.
was hingegen belegt ist, ist der tag danach. mit dem toten julian und dem im feindesland gefangenen heer riefen die generäle nicht jupiter an: im morgengrauen des 27. juni wählten sie jovian zum kaiser, einen offizier der garde und christen. ohne proviant in die enge getrieben, nahm jovian von schapur ii. einen demütigenden frieden an —einen dreißigjährigen waffenstillstand im austausch gegen fünf provinzen jenseits des tigris und festungen wie nisibis und singara—, bedingungen, die ammianus selbst als schande verurteilte. der berühmte sterbesatz, den die überlieferung julian in den mund legt, “du hast gesiegt, galiläer”, gehört einer viel späteren christlichen legende an und erscheint in den zeitgenössischen quellen nicht: er ist theologie, als chronik verkleidet.
mit julian endete die konstantinische dynastie und mit ihr die letzte realistische chance, dass ein kaiser dem heidentum den staatsapparat zurückgäbe. die heidnische aristokratie des westens würde noch generationen lang einfluss und altäre bewahren, doch sie würde nie wieder den thron oder das kaiserliche programm besetzen. es ist eine der großen ironien der spätantike: der mann, der die götter mit gesetzen, haushalten und organigrammen wiederherstellen wollte, verschaffte dem christentum am ende seine beste erzählung, die eines verfolgers, niedergestreckt von einer unsichtbaren hand. der zufall eines gefechts —ein nicht geschnürter panzer, eine lanze ohne unterschrift— wog schwerer in der geschichte europas als alle seine edikte.