jeden juni, für einige wenige tage, öffnete rom den am strengsten bewachten raum der stadt. das ganze übrige jahr war das allerheiligste des vesta-tempels —der penus vestae, eine heilige vorratskammer, verborgen hinter einem vorhang— für alle gesperrt, und ganz besonders für jeden mann. nur an der vestalia wurde der schleier zurückgezogen. die größte militärmacht des mittelmeers bewahrte dort, dem glauben nach, die garantie ihrer existenz selbst auf: ein holzfeuer, brennend im herzen des tempels, das niemals erlöschen durfte.
das fest dauerte vom 7. bis zum 15. juni, und das heiligtum blieb die ganze zeit über zugänglich; doch sein zentraler tag war der 9., der tag, der der göttin geweiht war. an diesem tag durften die matronen barfuß eintreten, um opfergaben zu bringen, und die drei ranghöchsten vestalinnen bereiteten die mola salsa, das geröstete, gesalzene mehl, mit dem die opfertiere der öffentlichen opfer besprengt wurden. die müller und bäcker feierten, behängten ihre mühlsteine mit girlanden und schmückten mit brot die esel, die sie drehten. von all dem berichtet uns ovid im sechsten buch der fasti, das zugleich unser bester führer durch den kalender und ein absichtlich mit mythischen abschweifungen durchsetztes gedicht ist.
der kontrast ist es, der die szene schwindelerregend macht. rom zerlegte ganze königreiche mit seinen legionen, doch in religiöser hinsicht lebte es in abhängigkeit von einem zerbrechlichen gleichgewicht: die pax deorum, der frieden mit den göttern, musste durch ein exaktes ritual erneuert werden. solange das feuer der vesta brannte und die riten erfüllt wurden, hielt sich die stadt für sicher. in jenem heiligtum wurden außer dem ewigen feuer die pignora imperii verwahrt, die pfänder, die roms macht sicherten; das berühmteste war das palladium, das bild der pallas athene, das der legende nach aeneas aus troja gerettet hatte. so ernst nahmen sie dessen verwahrung, dass sich der pontifex maximus caecilius metellus, als der tempel 241 v.u.z. brannte, in die flammen warf, um die reliquie zu retten, und dabei, so will es die überlieferung, erblindete.
die hüterinnen all dessen waren sechs frauen: die vestalischen jungfrauen. weit davon entfernt, eine last zu sein, gehörte ihr status zu den begehrtesten der patrizischen gesellschaft: eine tochter als vestalin zu haben brachte ansehen, und die frauen selbst befreite es von der männlichen vormundschaft, erlaubte ihnen, ein testament zu machen und ihr eigenes vermögen zu verwalten. der preis war ein keuschheitsgelübde von dreißig jahren und eine verantwortung ohne netz. das feuer aus nachlässigkeit sterben zu lassen war ein schweres, aber wiedergutzumachendes vergehen: der pontifex maximus ließ die vestalin auspeitschen —im halbdunkel und hinter einem vorhang, um sie nicht völlig zu demütigen— und die flamme wurde mit einem reinigungsritus neu entzündet.
dieselben feldherren, die königreiche dem erdboden gleichmachten, schliefen nur so lange ruhig, wie ein scheiterhaufen nicht erlosch und sechs frauen ihr wort nicht brachen.
der wahre schrecken lag am anderen ende. wenn bewiesen wurde, dass eine vestalin ihr keuschheitsgelübde gebrochen hatte, war das verbrechen incestum: ein religiöser verrat, fähig, so glaubte man, den zorn der götter über die ganze stadt heraufzubeschwören. und hier stieß rom auf ein unüberwindliches tabu: es war verboten, das blut einer vestalin zu vergießen oder sie gewaltsam zu töten. plutarch beschreibt in seinem leben des numa den makabren ausweg, den die rechtsprechung fand: ein leichenzug führte die verurteilte zum campus sceleratus, dem “verfluchten feld”, wo man sie lebendig in einer unterirdischen kammer mit einem bett, einer lampe und etwas nahrung einschloss. dann zog man die leiter ein und versiegelte den eingang. technisch gesehen tötete rom sie nicht: es ließ sie in der dunkelheit dahinschwinden.
es gilt, zwei dinge zu nuancieren, welche die populäre vermittlung gern überfährt und die gerade deshalb wichtig sind, weil sie sich leicht verwechseln lassen. das erste: auspeitschung und einmauerung waren keine grade ein und derselben strafe, sondern antworten auf verschiedene vergehen. das erlöschen des feuers wurde mit der peitsche bezahlt und ließ sich wiedergutmachen; nur erwiesenes incestum führte zur lebendigen bestattung. sie zu vermengen —als ob nachlässigkeit ins grab führte— verzerrt die ganze logik des ritus. das zweite: jenes “verfluchte feld” lag nicht außerhalb der stadt, wie oft behauptet wird, sondern genau innerhalb des städtischen bezirks, neben der porta collina, am rand des pomerium selbst. die geografie war teil des grauens: die vestalin musste innerhalb der heiligen grenze roms sterben, weil sie zu rom gehörte, doch ohne dass sich die stadt die hände mit ihrem blut beschmutzte.
so ist das bild des 9. juni das eines staates, der die bekannte welt eroberte und zugleich vor einer vorratskammer wache hielt, damit ein scheiterhaufen nicht erlosch. es war weder heuchelei noch primitiver aberglaube: es war die tiefe überzeugung, dass politische macht und göttliche gunst ein und dieselbe infrastruktur waren und dass den zweiten zu verlieren bedeutete, den ersten zu verlieren. rom vertraute sein reich seinen heeren an, ja, doch zuvor vertraute es es sechs frauen und einem feuer an, das niemals einschlafen durfte.


