heute hättest du etwas miterlebt, was im rom des alltags undenkbar war: die römischen matronen —die freien verheirateten frauen der stadt—, die ihren eigenen haushaltssklavinnen kochten und das abendessen servierten. es war weder eine laune noch eine geste der wohltätigkeit: es war eine rituelle pflicht des kalenders. am 1. märz, während der matronalia, wurden die hierarchien für einen tag auf den kopf gestellt.
um den tag zu verstehen, muss man unseren januar vergessen. im ältesten römischen kalender begann das jahr nicht im winter, sondern am 1. märz, mit dem frühling und dem erwachen des landes. daher tragen september, oktober, november und dezember die zahlen sieben, acht, neun und zehn in sich: sie waren ursprünglich die siebten bis zehnten monate, vom märz aus gezählt. wenn dieser tag kam, setzte rom seine heilige uhr zurück.
der neustart war wörtlich und spielte sich im herzen des forums ab, im tempel der vesta, wo die flamme brannte, die das römische priestertum für das mystische herz des staates hielt. der glaube war absolut: erlosch jenes feuer, schwebte der ganze römische staat in gefahr. die vestalischen jungfrauen bewachten es, und nach einer aus späten und verstreuten quellen gewonnenen rekonstruktion erneuerten sie es am 1. märz: ovid (fasti iii) bezeugt diese jährliche erneuerung, und festus beschreibt die methode der reibung heiliger hölzer, mit der ein vollkommen neues entzündet wurde, um so den jahreszyklus mit reinem feuer einzuleiten.
hier gilt es, einen oft wiederholten gemeinplatz richtigzustellen. es heisst häufig, eine vestalin, die die flamme habe sterben lassen, sei lebendig begraben worden. nicht genau: die strafe für die vernachlässigung des feuers war die geisselung, vom pontifex maximus im dunkeln und hinter einem vorhang vollzogen. das lebendige begräbnis, die berühmteste und schauerlichste strafe, war einem anderen vergehen vorbehalten: dem bruch des keuschheitsgelübdes. die beiden strafen zu verwechseln, ist verbreitet, doch das juristische rom unterschied mit kühle zwischen fahrlässigkeit und sexuellem sakrileg.
damit die römische ordnung den rest des jahres funktionierte, mussten einmal im jahr alle so tun, als begännen sie bei null.
parallel zur vesta feierten die häuser die eigentlichen matronalia, geweiht der juno lucina, der göttin der geburten. die matronen suchten ihren tempel mit blumen auf, die ehemänner legten gelübde für ihre gattinnen ab und überreichten ihnen geschenke. und dann kam die umkehrung, die dem ganzen den titel gibt: wie macrobius (5. jh. n. chr.), die einzige quelle, die sie beschreibt, berichtet, entlasteten die hausherrinnen die dienerschaft von ihren aufgaben und servierten den haushaltssklavinnen selbst den tisch. es war ein fest der frauen und der mutterschaft und zugleich ein kontrolliertes soziales sicherheitsventil, leibliche cousine der saturnalia im dezember, wenn die herren die männlichen sklaven bedienten.
die nuance, freilich, ist, dass keine dieser umkehrungen im grunde etwas veränderte. die sklavin kehrte am nächsten tag an ihren platz zurück, und die matrone an den ihren. rom verstand den nutzen, an einem bestimmten tag druck abzulassen, gerade damit die struktur den rest des kalenders unversehrt aushielte. man liess dich vierundzwanzig stunden lang dem untergebenen das essen servieren, in der gewissheit, dass am 2. märz die welt wieder genau an ihrem platz wäre.