die römische monarchie, die sieben könige, königsmorde und kriege überstanden hatte, fiel nicht durch eine invasion und nicht durch einen bankrott. sie fiel, so die überlieferung, wegen eines prinzen, der sich für unantastbar hielt und eine so heilige linie überschritt, dass er das ganze system in brand setzte.
das jahr, das sich rom ins gedächtnis einbrannte, war 509 v.u.z. auf dem thron sass lucius tarquinius, mit dem beinamen superbus, «der hochmütige», siebter und letzter könig roms. er war durch die ermordung seines schwiegervaters, des königs servius tullius, an die macht gekommen — es war seine eigene gemahlin tullia, tochter des servius, die den wagen über den leichnam fahren liess — und er regierte entsprechend: durch terror. er hatte den senat dezimiert, rivalen ohne prozess hinrichten lassen und die plebs zu zwangsarbeit gepresst. er war im porträt der chroniken die absolute tyrannei. doch den funken, der ihn stürzte, entzündete nicht er, sondern sein eigener sohn.
lucius iunius brutus erhob das blutbefleckte messer vor dem volk und schwor, dass rom nie wieder einen könig haben würde.
die chroniken erzählen, dass der prinz sextus tarquinius von lucretia besessen war, einer wegen ihrer tugend berühmten matrone, gattin eines edlen verwandten des königs. eines nachts erschien er in ihrem haus, gedeckt durch die familiäre gastfreundschaft, und als alle schliefen, drang er gewaltsam in ihr gemach ein und vergewaltigte sie unter der drohung, sie öffentlich zu entehren, sollte sie widerstand leisten. am nächsten tag rief lucretia ihren mann und ihren vater zu sich, schilderte das geschehen und forderte von ihnen rache zu schwören. dann, damit ihr name niemals als ausrede für entehrung dienen könne, nahm sie einen dolch und gab sich vor ihren augen den tod.
an ihrer seite stand lucius iunius brutus, ein neffe des königs, der sich jahrelang dumm gestellt hatte — daher sein beiname «der dumme» —, um die paranoia seines onkels zu überleben. in diesem augenblick liess er die maske fallen. er riss den dolch aus dem leib der lucretia, hob ihn vor den anwesenden und schwor bei jenem blut, dass rom nie wieder einen könig dulden werde. er trug den leichnam zum forum, zeigte ihn dem volk und verwandelte ein privates verbrechen in eine öffentliche revolution.
die antwort kam unverzüglich. die aristokratie, die den tyrannen ohnehin hasste, erhob sich in waffen, verschloss dem auf feldzug abwesenden tarquinius die tore der stadt und erklärte die monarchie für immer abgeschafft. rom schwor ewigen hass auf das blosse wort «könig», eine ablehnung, die seine politik die nächsten fünf jahrhunderte prägen würde. hier ist eine vorsicht angebracht, zu der die überlieferung selbst fast einlädt: die moderne historiografie vermutet, dass dieses allzu vollkommene drama — die tugendhafte frau, der lüsterne prinz, der erwachende held — als propaganda diente, um zu rechtfertigen, was im grunde ein staatsstreich des adels gegen den könig war. die erzählung ist wahrscheinlich ein moralisierender mythos. doch das ergebnis war real: rom hatte keine könige mehr.
dieser hass auf die krone war keine flüchtige rhetorik, sondern der nerv der republikanischen identität für ein halbes jahrtausend. das wort rex wurde zur tödlichen politischen beleidigung: jemanden zu beschuldigen, nach dem königtum zu trachten, war eine der gefürchtetsten waffen des forums, und der verdacht, sich ein diadem aufsetzen zu wollen, lastete auf den letzten jahren des julius caesar und auf den dolchen seiner mörder — angeführt, nicht zufällig, von einem nachfahren, der eben jenen ersten brutus für sich beanspruchte.
von der alten königlichen macht blieb nur eine rein rituelle hülle: das priesteramt des rex sacrorum, der könig der heiligen handlungen, jeder politischen autorität entkleidet, damit niemand mehr den altar mit dem thron verwechselte. lucretia ihrerseits wurde zum bleibenden sinnbild der tugend und der wiedergewonnenen freiheit, eine figur, die die europäische kunst und literatur noch zwei jahrtausende später beschwören sollten.
der sturz des tarquinius superbus schliesst die königszeit ab und öffnet die frage, die rom fortan bestimmen würde. nachdem die könige vertrieben und die krone gesetzlich verboten waren, blieb ein abgrund: wie regiert man eine stadt, die geschworen hat, nie wieder einen einzelnen mann an der spitze zu dulden? aus dieser frage sollte die republik geboren werden — und mit ihr die politische erfindung, die rom der welt vermachen würde.