in rom musste man weder diktator noch könig sein, um jemanden mit dem segen des gesetzes zu töten. es reichte, vater zu sein. die grundeinheit der macht in der stadt war weder der senat noch die volksversammlung: es war das haus. und an der spitze jedes hauses stand ein mann mit einer fast souveränen autorität über alle, die unter seinem dach lebten.
um rom zu verstehen, muss man dort beginnen, innerhalb der häuslichen mauern. der älteste mann der familie übte eine juristische macht aus, die patria potestas hiess, die «gewalt des vaters», und an ihm hingen nicht nur die kleinen kinder, sondern auch die erwachsenen, die ehefrauen je nach form der ehe, die enkel und das gesamte vermögen. solange der paterfamilias lebte, war niemand seiner nachkommen vor dem gesetz ganz herr seiner selbst.
die römische familie war eine maschinerie des gehorsams, und der vater ihr oberster magistrat.
das gefürchtetste stück dieser gewalt war das ius vitae necisque, das recht über leben und tod. nach altem römischem recht konnte der paterfamilias, wenn ein sohn — und sei es ein verheirateter erwachsener im öffentlichen amt — schwer gegen ihn fehlte, einen häuslichen rat von verwandten einberufen, ihn richten und seine hinrichtung anordnen. und wenn die schuldenlast wuchs, konnte der vater seine eigenen kinder in eine form zeitweiliger schuldknechtschaft verkaufen, die durch die xii tafeln geregelt war: eine transaktion, die das recht mit der nüchternheit eines notars vorsah und regelte.
aber die patria potestas war nicht nur das recht zu töten. sie war die totale kontrolle über das rechtsleben der seinen. der der gewalt unterworfene sohn konnte, so erwachsen und angesehen er auch war, nichts zu eigentum besitzen: was er verdiente oder erbte, floss in die tasche des vaters. er konnte seine eigenen kinder nicht verheiraten oder über ihre ehe entscheiden ohne väterliche zustimmung. und diese unterwerfung erlosch nicht mit der volljährigkeit: sie endete nur mit dem tod des paterfamilias oder einem förmlichen akt der emanzipation. daher eine der erstaunlichsten paradoxien des römischen rechts: ein konsul konnte heere befehligen und dem staat vorstehen und blieb, sobald er die tür seines hauses überschritt, rechtlich ein abhängiger unter der hand seines alten vaters. die öffentliche und die häusliche gewalt verliefen auf getrennten ebenen.
man sollte sich das alles nicht als tägliches gemetzel vorstellen. die moderne geschichtsschreibung betont, dass der vater, der einen sohn tötete, selbst für die römer ein skandal war, und dass diese extreme gewalt nur in seltensten fällen ausgeübt und im laufe der jahrhunderte gemildert wurde: der druck der öffentlichen meinung, der zensoren und später der kaiserlichen gesetzgebung reduzierte sie auf kaum mehr als ein juristisches relikt. entscheidend war nicht die häufigkeit des todes, sondern dass die möglichkeit bestand und schriftlich verbrieft war. die patria potestas war weniger ein urteil als eine architektur der autorität: es genügte, dass das recht sie anerkannte, damit der sohn aufwuchs und genau wusste, wo die grenze lag.
und manche historiker bringen diesen häuslichen gehorsam mit der berühmten disziplin der legionen in verbindung. die einübung, so vermuten sie, begann zu hause: der bürger, der unter einer häuslichen gewalt aufgewachsen war, die ihn theoretisch zum tode verurteilen konnte, zitterte später kaum vor einem general oder einer feindlichen schlachtordnung. dabei ist allerdings zu bedenken, dass die militärische strafe aus dem imperium des staates erwuchs, nicht aus der väterlichen potestas: eher als bewiesene ursache ist dies eine parallele, ein gehorsam, der vielleicht erlernt war, bevor man eine lanze führen konnte. die familie war die erste legion, die ein römer kennenlernte.
die institution überlebte, verwandelt und gemildert, die gesamte geschichte roms und hinterliess eine lange spur im westlichen recht: die idee der väterlichen autorität, des hauses als eigene rechtliche sphäre, der vermögensübertragung in männlicher linie schöpft zu gutem teil aus dieser quelle. das rom, das eines tages das mittelmeer beherrschen sollte, lernte zunächst, sich selbst zu regieren, ein haus nach dem anderen.
doch diese eiserne disziplin bestand neben einem riss, den keine häusliche autorität schliessen konnte. ausserhalb der türen, auf der strasse und im forum, stand die stadt kurz davor, sich in zwei unversöhnliche lager zu spalten, die sich jahrhundertelang um die macht streiten sollten.