das grösste autokratische system der antike wurde nicht mit der schwertspitze und nicht durch einen blutigen putsch errichtet, sondern in einer senatssitzung — langweilig, protokollarisch, in applaus ertränkt. der mann, der die welt vierzig jahre lang regieren würde, gab vor, auf alles zu verzichten, und ein verängstigter senat flehte ihn an zu bleiben.
es war januar 27 v.u.z. octavian, der adoptivsohn julius caesars, hatte die bürgerkriege gewonnen: er hatte die mörder seines vaters besiegt, dann marcus antonius und kleopatra bei actium, und stand allein an der spitze, alle legionen unter seiner kontrolle. das problem war nicht die macht, die er bereits ganz besass. das problem war, dass rom caesar gerade deshalb getötet hatte, weil dieser nach jener macht strebte. octavian hatte den leichnam gesehen. er gedachte den fehler nicht zu wiederholen.
also inszenierte er ein politisches theaterstück von ausserordentlicher subtilität. am 13. januar trat er vor den senat und kündigte feierlich an, dass er auf seine ausserordentlichen vollmachten verzichte und die republik dem senat und volk von rom “zurückgebe”. es war reines kalkül. octavian wusste, dass jene politiker, nach jahrzehnten von bürgerkriegen und proskriptionen, zu erschöpft und zu verängstigt waren, um ein machtvakuum zu ertragen. was ohne ihn käme, wäre eine weitere runde gemetzel, und alle wussten es.
er bot ihnen die freiheit an im wissen, dass sie sie nicht anzunehmen wagen würden. und sie wagten es nicht.
die antwort war jene, die er vorhergesehen hatte: der senat flehte ihn an, sie nicht zu verlassen — das flehen, das cassius dio überliefert und das die moderne historiographie als inszeniertes drehbuch liest, nicht als spontane reaktion. in einer choreografierten verhandlung gaben sie ihm für zehn jahre das kommando über die wichtigsten provinzen zurück — eben jene, in denen fast alle legionen kaserniert waren. er behielt das heer, er behielt das geld, er behielt die kontrolle. doch nun schien alles ein von der republik erteiltes mandat, keine usurpation. am 16. januar krönte den vorgang der meisterzug: der senat verlieh ihm einen nie zuvor verwendeten namen, augustus, “der erhabene”, “der geweihte”. er hörte auf, octavian der heerführer zu sein, und wurde zu augustus, einer fast religiösen figur, über der gewöhnlichen politik stehend.
es gilt, weder die offizielle noch die rein zynische version unbesehen zu kaufen. augustus “schaffte” die republik nicht mit einem federstrich ab: jahrelang erhielt er ihre formen aufrecht — die konsuln, die wahlen, den beratenden senat —, und viele zeitgenossen glaubten in gutem glauben, die republik sei wiederhergestellt. die genialität des manövers liegt eben in dieser ambiguität. die modernen historiker sprechen von einem “prinzipat”, einem regime, das wie eine monarchie regierte, sich aber als republikanische kontinuität tarnte. augustus vermied sorgfältig jeden titel, der nach könig oder ewigem diktator roch, die beiden etiketten, die caesar verurteilt hatten.
an jenem tag wurde die römische republik von ihren eigenen verteidigern juristisch rückgängig gemacht, mit ihrer unterschrift und ihren beifallsrufen. augustus regierte vier jahrzehnte mit eiserner faust im seidenen handschuh, ordnete den ganzen staat neu und starb im bett, was wenigen machthabern in rom gelang. die lektion blieb für immer geschrieben: eine genügend erschöpfte gesellschaft wird ihre freiheit dankbar abgeben, sofern derjenige, der sie ihr nimmt, die eleganz besitzt, vorzugeben, er gebe sie ihr zurück.