die innere geschichte roms ist im grunde ein langer klassenkampf. lange bevor seine legionen griechenland oder karthago betraten, war die stadt bereits durch eine unsichtbare grenze gespalten, die entschied, wer mit dem recht zu herrschen geboren wurde und wer zum gehorchen geboren war. auf der einen seite die patrizier; auf der anderen die plebejer.
in den anfängen der republik, zu beginn des 5. jh. v.u.z., hatte sich diese teilung so verhärtet, dass sie zur achse des gesamten politischen lebens wurde. um sie zu rechtfertigen, erzählte sich die elite eine eigene ursprungsgeschichte. der überlieferung nach wählte der erste könig bei der gründung der stadt hundert männer aus, die fähigsten, um den ersten senat zu bilden, und nannte sie patres, “die väter”. von da an war jeder, der nachweisen konnte, in direkter linie von jenen hundert ratgebern abzustammen, ein patrizier: buchstäblich “aus der linie der väter”.
wenn du diese genaue abstammung nicht beweisen konntest, warst du ein plebejer. und wie reich du auch durch handel wurdest, für sie bliebst du ein geringerer, ohne recht zu regieren.
die patrizier waren die geschlossene und absolute elite. sie besassen die besten ländereien, monopolisierten die magistraturen und die gerichte; vor allem reservierten sie sich das priestertum: sie behaupteten, die einzigen zu sein, die fähig waren, den willen der götter korrekt zu lesen, was ihnen ein nahezu sakrales vetorecht über die politik schenkte. alles, was ausserhalb dieses kreises blieb, war plebs: die überwältigende mehrheit der bevölkerung, vom verarmten landmann bis zum wohlhabenden händler, dessen vermögen ihm niemals einen namen verleihen konnte.
in der praxis hiess als plebejer geboren werden, um seine rechte beschnitten geboren werden. man war von den magistraturen und priestertümern ausgeschlossen; eine zeit lang ging das gesetz sogar so weit, die rechtmässige ehe zwischen patriziern und plebejern zu verbieten und die reinheit der herrschenden kaste mit einer blutsschranke zu panzern. und ohne ein amt, das einen schützte, blieb man der patrizischen justiz und einem schuldrecht ausgeliefert, das fähig war, ihn in die schuldknechtschaft zu zwingen. der patrizier wurde mit zugang zur macht, zu den göttern und zum land geboren; der plebejer wurde mit der bürde geboren, beweisen zu müssen, dass er überhaupt gehört zu werden verdiente.
die chroniken stellen diese ordnung als etwas natürliches, fast heiliges dar, vom gründer ererbt. die moderne forschung liest sie umgekehrt: es war kein göttliches erbe, sondern ein prozess der abschottung. in den generationen, die dem fall der monarchie folgten, verschanzte sich eine handvoll mächtiger familien oben, fixierte per gesetz, wer auf die ämter und ehen der elite zugreifen durfte und wer nicht, und verwandelte ihren faktischen vorteil in ein rechtliches privileg. die abstammung schuf nicht die macht; die macht erfand sich die abstammung, um sich zu verewigen.
diese spannung ist das, was die historiker den “ständekonflikt” nennen. ihre schärfste phase wird gewöhnlich zwischen der ersten plebejischen sezession um 494 und der endgültigen rechtlichen gleichstellung um 287 v.u.z. mit der lex hortensia datiert: etwa zwei jahrhunderte ununterbrochenen ringens. aber ihr schatten reicht weit darüber hinaus, denn dieser zusammenstoss zwischen einer verschanzten aristokratie und einer mehrheit, die rechte fordert, taucht unter anderen namen bis zu den bürgerkriegen der späten republik wieder auf. daher lässt sich zu recht von einem kampf sprechen, der fast ein halbes jahrtausend römischer geschichte durchzieht, auch wenn er seine form von einem jahrhundert zum anderen vollständig wandelt.
die patrizier begingen jedoch einen rechenfehler, der aus ihrem eigenen hochmut hervorging. das heer, das in jedem feldzug das blut roms vergoss, das gerade die ländereien der elite verteidigte, bestand zum grössten teil aus denselben plebejern, die sie verachteten. und die art, wie diese männer kämpften, machte sie zur gefährlichsten gruppe in ganz italien: eine kraft, die an dem tag, an dem sie sich weigerte, die ganze stadt in die knie zwingen konnte. aus diesem widerspruch — eine elite, die jene brauchte, die sie ausschloss — würde das lange ringen entstehen, das recht um recht jene politische gleichheit erkämpfen sollte, welche die patrizier für immer hatten versiegeln wollen.