eine von ovid überlieferte tradition zeichnete das volk, das die bekannte welt eroberte, wie es in der angst lebte, dass seine eigenen toten verwandten aus dem grab steigen würden, weil sie hunger litten. an jedem 21. februar trugen die familien roms speisen zu den nekropolen vor den toren, um ihre verstorbenen buchstäblich zu speisen. es war die feralia, und es war keine metapher: es war eine transaktion.
die feralia kam nicht allein. sie schloss die parentalia ab, neun trauertage, die am 13. februar begannen und während derer sich der staat verlangsamte: die tempel schlossen ihre tore, die magistrate legten ihre insignien ab, und hochzeiten waren verboten. es war der abschnitt des kalenders, in dem sich die lebenden in einem block ihrer toten annahmen, eine lange woche, die dem familiengedenken gewidmet war, bevor das archaische jahr im märz von neuem zu rollen begann.
für die römische theologie verflüchtigten sich die toten vorfahren — die manes — nicht. sie blieben durch eine heilige pflicht der frömmigkeit (pietas) mit der familie verbunden und forderten materielle aufmerksamkeit im austausch dafür, keine probleme zu machen. daher die pflicht, am tag der feralia zu den gräbern hinabzusteigen und die opfergabe niederzulegen. das überraschende ist die bescheidenheit des preises: die geister verlangten weder gold noch mausoleen. ovid notiert, es genüge ein dachziegel mit einer girlande, ein paar körner salz, in wein getauchtes brot und ein paar veilchen, über das grab gestreut.
die geste suchte nicht ostentation, sondern eine klare botschaft an die unterwelt zu senden: wir erfüllen den pakt weiterhin, wir erinnern uns weiterhin. es war ein pakt jährlicher erfüllung zwischen den lebenden und den toten. wer ihn vernachlässigte, setzte sich repressalien aus dem jenseits aus, und die mythologie bewahrte den präzedenzfall, um den vergesslichen zu erschrecken.
die verstorbenen wollten weder gold noch marmor: sie wollten in wein getauchtes brot und den beweis, dass niemand sie vergessen hatte.
ovid überliefert die warnung. einmal, erzählte er, seien die römer so in einen krieg vertieft gewesen, dass sie vergassen, die toten an ihrem tag zu ehren. die strafe war unmittelbar: die vernachlässigten geister entstiegen den gräbern, durchwanderten heulend die gassen der stadt und die felder, und die stadt fand keine ruhe, bis ihnen ihre opfergaben zurückgegeben wurden. die geschichte, wahr oder nicht, erfüllte ihre funktion: niemand wollte der nachbar sein, der die toten ohne abendessen liess.
die feralia hatte zudem eine dunklere und weniger touristische kehrseite. ovid beschreibt am gleichen tag einen ritus, dem eine betrunkene alte frau vorstand, die, umringt von mädchen, zu ehren der tacita, der stummen göttin, zelebrierte. das zeremoniell war wie aus einem hexenhandbuch: weihrauch unter der schwelle, geknotete bleifäden, gekaute schwarze bohnenkerne und, als hauptstück, ein fischkopf, mit einer bronzenadel zusammengenäht und durchstochen. das ziel war, feindselige zungen zu knebeln, die münder der feinde zu versiegeln. nichts von geordneter trauer: reine, harte abwehrmagie.
am folgenden tag, dem 22., wechselte der ton vollständig. es kam die caristia, eine familiäre versöhnungsmahlzeit unter den lebenden, bei der zerwürfnisse beigelegt und der friede am tisch besiegelt wurden. die römer lösten so in achtundvierzig stunden, was uns heute jahre therapie kostet: zuerst die toten speisen, damit sie nicht stören, und am folgenden tag die lebenden zusammensetzen, damit sie sich versöhnen, bevor sie zum nächsten problem werden.