in der antiken welt existierte ein vergehen, das so unverzeihlich war, dass jeder nachbar, der dich auf frischer tat erwischte, vom gesetz dazu ermächtigt war, dich auf der stelle straflos zu töten. das delikt war weder mord noch verrat: es war, sich anzumassen, einen stein zu bewegen. einen einfachen grenzstein, in den boden zwischen zwei feldern geschlagen.
an jedem 23. februar feierte rom die terminalia, das fest dieser grenzsteine. für die römische denkweise war das privateigentum kein papierabkommen, das vor einem richter verhandelt wurde: es war eine heilige entität. jeder grenzstein verkörperte terminus, terminus, den gott der grenzen. und das war keine nachgeordnete gottheit von denen, die den kalender füllen: die tradition machte ihn zum symbol des unbeweglichen selbst.
den mythos erzählen livius und ovid. als die könige den grossen tempel des jupiter optimus maximus auf dem gipfel des kapitols errichten wollten, mussten die götter, die das gelände bereits besetzten, um die räumungserlaubnis befragt werden. alle räumten ihren platz vor jupiter… ausser terminus. der stein weigerte sich rundweg, sich zu bewegen, und liess keine diskussion zu. die römer deuteten das als gewaltiges omen: die fundamente des staates würden so fest und unverbrüchlich sein wie jener störrische grenzstein. man musste den tempel um ihn herum bauen und ein loch im dach genau über dem stein lassen, damit terminus den himmel weiterhin sehe, wie sein kult es verlangte.
der einzige gott, der sich vor jupiter nicht erhob, war ein grenzstein, der sich weigerte, seinen platz zu räumen.
das ritual des tages war häuslich und ländlich, fast zart im vergleich zur härte des gesetzes, das es deckte. die besitzer angrenzender güter trafen sich genau auf der linie, die sie trennte. jede familie kam von ihrer seite des grenzsteins, bekränzte ihn, errichtete einen kleinen rasenaltar und entzündete ein feuer. dann besprengten sie den stein mit dem blut eines lammes oder eines ferkels, streuten korn und honigwaben aus und teilten ein bankett auf der grenze selbst, anstossend auf terminus. der ritus erneuerte in stein und wein das heilige fundament der grenzen (ius sacrum): dies ist mein, jenes ist dein, und solange niemand den stein berührt, wird es kein blut zwischen uns geben.
die historische nuance liegt im realen gewicht jenes blutes. die gesetze, die die tradition dem könig numa pompilius zuschrieb, erklärten den, der einen grenzstein ausriss, für sacer — verflucht, den unterweltsgöttern geweiht. und ein sacer-mann stand ausserhalb des rechtsschutzes: er konnte von jedem getötet werden, ohne dass der totschläger dafür einzustehen hätte. es war nicht genau eine jagderlaubnis, sondern etwas schlimmeres: der übertreter hörte auf, als bürger zu existieren. dasselbe widerfuhr übrigens dem pflüger und dem ochsen, die zu nahe an der grenze pflügten.
es gab auch eine keineswegs unschuldige politische lesart. die terminalia fielen an das ende des archaischen jahres, gerade vor den märz, den monat des mars und des krieges. rom, das jahrhunderte damit verbrachte, seine eigenen grenzen mit der schwertspitze über das ganze mittelmeer voranzutreiben, widmete einen ganzen tag der sakralisierung der linie, die das meine vom deinen trennt. eine zivilisation, die die unverletzlichkeit der grenzen verehrte… während ihre legionen sich jahr für jahr daran machten, die aller übrigen auszulöschen.