encyclopædia personen ·
dasselbe jahr · jede zeitrechnung
v.chr.
390 v.chr.
v.u.z.
390 v.u.z.
a.u.c.
ccclxiv
b.p.
2.340
holozän-ära
9.611
olympiade
97. · jahr 3
anno mundi
3.372

der zweite gründer roms

m. fvrivs camillvs

der diktator furius camillus kehrt aus dem exil zurück und überzeugt die römer, die verzweifelt fliehen wollen, die hauptstadt auf ihrer eigenen asche wiederaufzubauen, statt sie aufzugeben. die überlieferung weiht ihn als zweiten gründer roms.

renaissance-tafel mit dem triumph des marcus furius camillus beim einzug in rom auf einem goldenen wagen
biagio d'antonio und werkstatt · national gallery of art, washington · gemeinfrei
vita
geb. ca. 446 v.u.z. — gest. 365 v.u.z.
epoche
frühe republik
ämter
diktator (fünfmal, überlieferung) · konsulartribun
familie
gens furia

wenn eine stadt bis auf die grundmauern niederbrennt, ist die menschlichste versuchung nicht, sie wiederaufzubauen: es ist, fortzugehen. nach der gallischen plünderung war rom kurz davor, genau das zu tun. die debatte ging nicht darum, wie die hauptstadt aus ihrer asche zu errichten sei, sondern darum, ob es sich lohne, oder ob es nicht besser sei, die ruinen aufzugeben und geschlossen in eine andere stadt überzusiedeln. die überlieferung schreibt einem einzigen mann die entscheidung zum bleiben zu, und um ihretwillen erinnerte sie sich seiner als zweiten gründer roms.

dieser mann war marcus furius camillus, der general, der jahre zuvor veji eingenommen hatte und der im augenblick grössten ruhms von seinen politischen rivalen vor gericht gezerrt worden war — angeklagt, die beute ungerecht verteilt zu haben — und in ein bitteres exil getrieben. die stadt, die ihn verbannt hatte, lag nun von den galliern verwüstet, ihre führungsschicht dezimiert und ihre zitadelle auf dem kapitol noch immer belagert. nach dem heroischen bericht, den livius und plutarch überliefern, war es eben in dieser dunkelsten stunde, dass rom seinen blick dem mann zuwandte, den es verstossen hatte: man ernannte ihn in seiner abwesenheit zum diktator und rief ihn zurück, um die stadt zu retten.

die dramatischste fassung lässt ihn im allerletzten augenblick eintreffen: während das gold des lösegelds gewogen wurde und das vae victis des brennus erklang, sollen die hörner des camillus vor den toren erschollen sein. der general habe das gold von der waage genommen, erklärt, rom werde mit eisen, nicht mit gold zurückerobert — non auro, sed ferro, recuperanda est patria — und die gallier in offener feldschlacht vernichtet und das lösegeld bis zum letzten gramm zurückgewonnen.

rom wird mit eisen zurückgewonnen, nicht mit gold.

an dieser stelle sollte man die legende vom wahrscheinlichen trennen, denn dies ist einer der fälle, in denen die moderne geschichtsschreibung am deutlichsten von der überlieferung abweicht. die erzählung vom annullierten lösegeld und vom rächenden gemetzel trägt alle merkmale patriotischer erfindung: die römer konnten nicht hinnehmen, dass die episode in einer erkauften demütigung endete, also fügten sie ihr einen glorreichen schluss bei, der die schande tilgen sollte. die nüchternere rekonstruktion deutet auf das gegenteil: dass die gallier ihr gold tatsächlich kassierten und abzogen — wahrscheinlich, weil ihre eigenen länder im norden bedroht waren, oder schlicht, weil sie schon erlangt hatten, was sie suchten. das gold wurde, mit fast völliger sicherheit, gezahlt und ging verloren. camillus ist eine reale historische gestalt, doch die choreografie seiner rettung in letzter minute gehört eher in den bereich des mythos als der tatsachen.

wo seine rolle glaubwürdiger und entscheidender erscheint, ist in dem, was danach geschah. mit der stadt in trümmern drängten die volksschichten — verängstigt, ohne obdach, ohne mittel — darauf, rom zu verlassen und in das nahe gelegene veji überzusiedeln, das nach der eroberung unversehrt und leer war. der umzug hatte jede praktische vernunft für sich, doch er hätte das ende roms als solches bedeutet. die überlieferung legt camillus die rede in den mund, die ihn verhinderte: ein appell an den heiligen boden, an die sieben hügel, an die gründungsauspizien und an die erinnerung an romulus; die rede überzeugte die versammlung, zu bleiben und wiederaufzubauen. rom erhob sich erneut, hastig und ohne städtebaulichen plan — daher, sagten die alten, das chaotische strassengefüge der folgenden jahrhunderte —, doch es erhob sich am gleichen ort.

dafür, dass er die stadt zuerst gerettet und sie danach von neuem gegründet hatte, verliehen die römer camillus den ehrentitel parens patriae und nannten ihn zweiten gründer, ebenbürtig dem romulus. die episode, in ihren einzelheiten historisch umstritten, prägte gleichwohl einen gedanken, den die republik nie wieder aufgeben sollte: rom war kein austauschbarer ort, sondern ein von den göttern erwählter boden.

⁕ video-kapitel ⁕
der zweite gründer roms
@yodidac · tiktok der zweite gründer roms abspielen
@yodidac
⁕ ⁕ ⁕ apparat ⁕ ⁕ ⁕

fontes classicae.

  1. i. livius · ab urbe condita v, 32 und 46-55
  2. ii. plutarch · leben des camillus

moderne bibliografie.

  1. i. t.j. cornell · the beginnings of rome
dídac
⁕ über den autor ⁕

dídac

geschichtsvermittler. schreibt über antike politische geschichte und über die wut, die sein eigenes jahrhundert in ihm auslöst. baut im internet eine encyclopædia romana — und ein paar räume mehr.

transitus