der eigentliche kampf um die macht in rom wurde nicht allein im senat oder in den volksversammlungen ausgetragen. er wurde in der morgendämmerung ausgetragen, vor den toren der herrenhäuser der reichsten männer der stadt, wo sich mit jedem sonnenaufgang ein schweigender pakt erneuerte, der tausende armer an den willen einiger weniger band.
die überlieferung führte den ursprung dieses systems bis auf den gründer der stadt selbst zurück, und obwohl dieser bericht legendär ist, ist die institution uralt und durchzieht die gesamte römische geschichte. ihre logik tritt mit fortschreitender republik besonders klar hervor, als die patrizier rechtlich gegenüber den tribunen boden verloren, jedoch das behielten, was wirklich zählte: das landmonopol. in einer gesellschaft ohne staatliche fürsorge hatte ein verarmter plebejer niemanden, an den er sich wenden konnte; der staat rettete ihn nicht, und der hunger war eine reale bedrohung. um zu überleben, klopfte der verarmte plebejer notgedrungen an die tür eines aristokraten und schloss einen handel ab: das system der clientela.
der arme wurde zum klienten, der adlige zu seinem patron. die treue galt nicht mehr dem gesetz des landes, sondern dem, der dich ernährte.
der handel war ungleich, aber unmissverständlich. der patron versorgte den klienten mit lebensmitteln, mit geld in der not, zahlte ihm die geldstrafen und verteidigte ihn vor allem vor gericht — wo ein plebejer auf sich allein gestellt, ohne einfluss und ohne rednergabe, von vornherein verloren war. im gegenzug lieferte der klient gehorsam, präsenz und stimme. jeden morgen, im ritus der salutatio, standen dutzende oder hunderte klienten vor dem haus des patrons schlange, nur um ihn zu grüssen, sich zeigen zu lassen und ihn daran zu erinnern, dass er auf sie zählen konnte. es war ein privater hof, eine tägliche zurschaustellung von gefolgsleuten, die auf der strasse warteten.
dieses heer der getreuen wog an den urnen sein gewicht. wenn wahlen oder entscheidende abstimmungen anstanden, präsentierte der patron die rechnung: er wies seine klienten an, geschlossen für ihn oder seinen kandidaten zu stimmen und, wenn nötig, rivalen auf dem öffentlichen platz einzuschüchtern oder zum schweigen zu bringen. so gewann die aristokratie, die die rechtliche kontrolle über die plebs verloren hatte, sie durch die hintertür zurück und verwandelte die wirtschaftliche abhängigkeit in politische disziplin. die clientela war in der praxis ein netz vertikaler treuebande, das die freiheit der stimme von innen aushöhlte.
was das ganze gebäude trug, war ein schwer zu übersetzender römischer begriff: die fides, die wechselseitige treue, das gegebene wort. die bindung zwischen patron und klient war kein blosser wirtschaftlicher vertrag; sie galt fast als sakrale verpflichtung. seinen klienten zu verraten, ihn in einem prozess im stich zu lassen, ihn fallen zu lassen, galt als schwere moralische schande, und die alten gesetze verfluchten gar den treulosen patron. die verpflichtung lief in beide richtungen, wenn auch nie auf augenhöhe: der grosse schützte, der kleine diente, und den pakt zu brechen, befleckte die ehre — und den von den zensoren überwachten öffentlichen ruf — dessen, der ihn brach. die abhängigkeit kleidete sich so in eine sittliche pflicht, was sie zugleich menschlicher machte und schwerer zu durchtrennen.
hier ist eine historiografische präzisierung angebracht: das lebhafteste bild der salutatio — die langen schlangen der klienten, die beissende satire des armen, der seine ration erbettelt — stammt vor allem aus der späten republik und der kaiserzeit, und autoren wie juvenal zeichnen sie in jener späteren, weit volkreicheren und ungleicheren welt. dieses bild mit allen seinen einzelheiten in die ersten jahrhunderte der republik zu übertragen heisst teilweise, eine darstellung vorwegzunehmen, die sich erst mit der zeit verschärfte; das grundlegende band zwischen patron und klient aber ist tatsächlich archaisch und gehört zu den stabilsten strukturen der römischen gesellschaft. es veränderte seinen massstab, nicht sein wesen.
diese abhängigkeit erklärt einen guten teil der römischen politik über jahrhunderte hinweg: die grossen familien herrschten nicht nur wegen ihrer ländereien oder ämter, sondern wegen der masse an klienten, die sie zu mobilisieren vermochten. und die fäulnis des systems — der verdeckte stimmenkauf, getarnt als schutz — sollte einige geister der alten schule derart anwidern, dass einer der besten generäle roms überzeugt sein würde, sein vaterland verrotte bereits von innen, und dass der einzige ausweg paradoxerweise darin bestünde, die grenze zu überschreiten und sich gegen es zu wenden.