stell dir ein dekret des römischen staates vor, das dich verpflichtete, die ernste kleidung abzulegen, und das den strassendirnen erlaubte, das zentrum der grössten öffentlichen bühne der stadt zu beanspruchen. das waren die floralia: das fest, in dem rom, die republik der disziplin und der gravitas, absichtlich seine eigenen moralischen reflexe aussetzte und sich gehen liess.
das fest begann am 28. april und zog sich mehrere tage hin bis anfang mai, geweiht der flora, der gottheit, die die blüte, das wachstum der pflanzen und damit auch die fruchtbarkeit und den sex regierte. ihr kult war uralt, doch die ludi florales, gelegentlich 240 v.u.z. eingerichtet, wurden 173 v.u.z. jährlich und dauerhaft, nach einer reihe ruinöser winde für blumen und reben, die als bestrafung der göttin für ihre vernachlässigung gedeutet wurde. rom inszenierte wieder einmal ein fest aus angst, dass ihm die felder verfaulten. gleichwohl war floras ursprung schon unter den antiken selbst umstritten: der christ lactanz überliefert — mit entsetzen —, flora sei in wahrheit eine kurtisane gewesen, deren vermächtnis der senat als kult tarnte, gegen die offizielle erzählung vom zu ihren ehren gelobten tempel.
die erste regel, die fiel, war die der kleidung. im römischen zivilprotokoll galt es als eines ernsten bürgers unwürdig, in grellen farben gekleidet zu sein: weiss und gedeckte töne markierten status und respektabilität. doch während der floralia war die nüchterne toga geächtet, und gewänder in lebhaften, fröhlichen, fast provokanten farben setzten sich durch. die stadt wechselte buchstäblich die uniform, als dürfe sie für einige tage eine andere sein.
die plebejischen ädilen finanzierten das chaos im wissen, dass der gesellschaftliche druck, wenn er nicht einmal im jahr entweicht, am ende explodiert.
das geschehen verlagerte sich danach in die grossen steintheater, und dort erlangte das fest seinen skandalösen ruf. die prostituierte der stadt genossen während der floralia eine sichtbarkeit und einen schutz, die sie den rest des jahres nicht hatten: sie hatten die hauptrollen in spektakeln, tänzen und mimen ohne die üblichen einschränkungen. von den tribünen regnete kein höflicher applaus, sondern tonnenweise kichererbsen, bohnen und lupinen, symbole der fruchtbarkeit, während die plebejischen ädilen hasen und ziegen unter das publikum entliessen, tiere, die mit überbordender fruchtbarkeit assoziiert wurden. es war absichtliches chaos, laut und obszön, von den plebejischen ädilen aus den bussgeldern des ager publicus und, zunehmend, aus der eigenen tasche des magistrats zum stimmenfang bezahlt.
hier gehört eine quellennuance hinzu. ein guter teil dessen, was wir über die schamlosigkeit der floralia wissen, stammt von autoren, die jahrhunderte später und mit moralisierender agenda schrieben: der christ lactanz beschreibt sie mit grauen, gerade um das heidentum anzuprangern, und satiriker wie juvenal übertrieben von berufs wegen. die meistzitierte episode überliefert valerius maximus: der strenge cato der jüngere besuchte einmal die spiele, und das publikum wagte nicht, in seiner gegenwart die rituelle entkleidung der schauspielerinnen zu fordern; als cato es erfuhr, verliess er das theater, um ihnen das fest nicht zu verderben. die anekdote sagt mehr über das bild catos als über das spektakel selbst.
das interessante ist nicht das anrüchige, sondern das politische kalkül dahinter. rom war eine erstickend hierarchische und repressive gesellschaft, und seine eliten verstanden, dass ein kessel ohne dampfventil am ende platzt. die floralia waren dieses ventil: eine offizielle und begrenzte erlaubnis, die regeln umzukehren, die klassen zu mischen und die spannung abzulassen, mit der garantie, dass nach ende des festes jeder pünktlich an seinen platz zurückkehren würde. der disziplinierteste staat der antike finanzierte sein eigenes chaos, weil er wusste, dass dies die billigste form war, die ordnung den rest des jahres unversehrt zu halten.