der kalender, der dein leben regiert, ist eine reliquie, entworfen, um einen doppelgesichtigen gott zu besänftigen und einen krieg zu bewältigen, der vor mehr als zweitausend jahren endete. es ist nichts natürliches dabei, das jahr am 1. januar zu beginnen: es ist keine sonnenwende, keine ernte, nichts, was sich am himmel zeigt. es ist ein römischer verwaltungsakt, der nie aufgehört hat, sich zu wiederholen.
im alten rom öffnete sich der 1. januar — die kalendae ianuariae — unter der schirmherrschaft des janus, des gottes der türen, der anfänge und der enden. der monat trägt deshalb seinen namen. die römer stellten ihn mit zwei entgegengesetzten gesichtern dar: eines zurückblickend, auf das sich schliessende jahr, und ein anderes vorausblickend, auf das beginnende. er war der wächter der schwelle, die gottheit, die in jedem gebet als erste angerufen wurde, noch vor jupiter, denn ohne ihn gab es keinen zugang zu den anderen göttern.
doch das datum hat keinen mystischen, sondern einen administrativen und militärischen ursprung. seit 222 v.u.z. traten die konsuln — die beiden obersten magistrate der republik — am 15. märz ihr amt an (zuvor hatte das datum variiert: unter anderem der 1. mai). der wechsel kam 153 v.u.z., und der grund war ein krieg. rom steckte in hispania in einem krieg gegen die keltiberer von segeda und numantia fest, und der senat brauchte das neue kommando so bald wie möglich an der front; warten bis märz hätte dem feind zweieinhalb monate vorsprung verschafft. also zogen sie den amtsantritt auf den 1. januar vor. was als dringende kriegsmassnahme entstand, blieb für immer und machte diesen tag nebenbei zum offiziellen beginn des konsularischen jahres.
du feierst nicht den anfang des kosmos: du feierst den tag, an dem zwei römische politiker bereit sein mussten, in hispania einzumarschieren.
mit fixiertem datum ordnete sich der ritus um es herum. während die antretenden konsuln das amt beschworen, das kapitol bestiegen und jupiter weisse stiere opferten, gab sich das volk einem sehr konkreten häuslichen aberglauben hin: das jahr mit guten omen zu beginnen. man tauschte strenae, kleine geschenke des guten omens — datteln, feigen und honig, damit das jahr süss würde, münzen, um den reichtum anzuziehen. man achtete auf das erste gesprochene wort, die erste begonnene arbeit, den ersten fuss, mit dem die schwelle überquert wurde. der ganze tag funktionierte als miniaturhaftes vorzeichen für den rest des jahres.
es gilt etwas zu nuancieren, das die populäre vermittlung gern überfährt: der 1. januar als “ziviles” neujahr koexistierte lange mit anderen anfängen. der archaischste kalender begann im märz — daher tragen september, oktober, november und dezember namen, die siebter, achter, neunter und zehnter bedeuten —, und im mittelalter kehrte ein guter teil europas zu daten wie ostern oder dem 25. märz zurück. der 1. januar setzte sich im westen erst zwischen dem 16. und 18. jahrhundert universell durch, im zuge der reform des gregorianischen kalenders von 1582. das heisst, er war nicht einmal ein ununterbrochenes erbe: er war eine wiederaufgenommene romanisierung.
so wiederholst du an jedem silvester, wenn du auf einen verheissungsvollen anfang anstösst, ohne es zu wissen einen verwaltungsritus der römischen republik. die politiker schworen das amt, das volk schenkte sich honig, um das pech zu bannen, und alle taten so, als sei ein beliebiger wintertag per dekret der anfang der welt. wir wiederholen die geste weiter, überzeugt, sie sei ein modernes fest.