die erste grosse geschriebene verfassung des westens — die ferne grundlage der gerichtsbarkeit, die uns noch heute urteilt — blieb in der römischen erinnerung nicht durch die tinte haften, mit der sie verfasst wurde, sondern durch das blut, mit dem sie bezahlt wurde: ein vater, der seine eigene tochter mitten auf dem forum tötet, um sie aus den händen eines tyrannen zu reissen. so erzählten die römer die geburt ihres rechts.
jahr 449 v.u.z. die zehn dezemvirn, angeführt von appius claudius, klammerten sich seit einem jahr an eine macht, deren amtszeit längst hätte ablaufen sollen. sie hatten die ersten gesetzestafeln verfasst, regierten aber wie militärherrscher: ohne wahlen, ohne bürgerliche berufung, mit bewaffneten leibwächtern an ihrer seite. in diesem klima brach jener fall aus, den die überlieferung zum auslöser ihres sturzes machte.
appius claudius war von einer jungen plebejerin besessen, verginia, tochter eines zenturios namens verginius, der an der front diente. sie war mit icilius verlobt, einem früheren tribunen, und wies den dezemvir zurück. gewohnt, dass das gesetz sein werkzeug war, griff appius nicht zu roher gewalt: er spann eine juristische falle. er befahl einem seiner klienten, öffentlich zu behaupten, das mädchen sei in wahrheit eine im hause des klienten geborene sklavin, die ihr wahrer eigentümer nun zurückfordere. der fall würde vor gericht entschieden, um ihren stand festzulegen. und der magistrat, der das urteil zu fällen hatte, war kein anderer als appius claudius selbst.
wer war der magistrat des prozesses? appius claudius selbst.
das urteil stand im voraus fest. da die dezemvirn die berufung an das volk abgeschafft hatten, blieb kein rechtsmittel: verginia würde als sklavin ausgeliefert — und alle begriffen, wozu. verginius, dringend aus dem lager gerufen, erkannte, dass er die freiheit seiner tochter auf keinem legalen weg mehr retten konnte. und in einer geste, die rom zugleich entsetzte und ergriff, nahm er ein messer von einem nahen marktstand und tötete seine tochter auf der stelle, vor dem tribunal, mit der erklärung, das sei das einzige mittel, das ihm noch bleibe, um sie frei zu halten. danach floh er mit blutigen händen zum heer.
die wirkung war unmittelbar. der bericht des verbrechens durchlief lager und stadt, und die gegen die dezemvirn angestaute empörung fand endlich ihren funken. das heer meuterte, marschierte auf rom und schloss sich einer neuen secession der plebs an. ohne truppen, die ihnen gehorchten, und ohne volk, das sie fürchtete, fielen die zehn tyrannen. appius claudius wurde verhaftet und gab sich der überlieferung nach im kerker vor dem prozess selbst den tod. die republik stellte ihre ordentlichen magistraturen wieder her — und vor allem jenes recht der berufung, das die dezemvirn unterdrückt hatten.
aus diesem ausgang ging, bereits vollständig, das juristische monument hervor: die leges duodecim tabularum, die zwölf tafeln, in bronze am forum ausgehängt, damit jeder bürger sie lesen konnte. es waren keine milden gesetze — sie enthielten harte strafen, klassenunterscheidungen und bestimmungen, die uns heute erbarmungslos vorkommen —, doch sie waren öffentlich und in ihrer anwendung gleich, und das veränderte alles. das recht hörte auf, geheimnis einer kaste zu sein, und wurde gemeingut. jahrhundertelang sollten römische kinder sie als grundlage ihrer bürgerlichen erziehung auswendig lernen.
die moderne historiografie ruft in erinnerung, dass die episode der verginia mit grosser sicherheit eine legendäre konstruktion ist. ihre symmetrie mit der vergewaltigung der lucretia, die die monarchie zu fall brachte — in beiden fällen entfesselt die entehrung einer frau den sturz eines tyrannischen regimes —, verrät das literarische schema, mit dem die römischen geschichtsschreiber ihre politischen revolutionen erklärten. doch das dokumentierte ergebnis ist real: rom ging aus dieser krise mit seinem ersten geschriebenen gesetzbuch hervor und mit gestärkter bürgerlicher berufung. das juristische geheimwissen der patrizier war am ende. und einmal schriftlich fixiert, sollte das gesetz sogleich anfangen abzustecken, wo seine eigenen mauern verliefen: die nächste schlacht würde nicht darum gehen, wer das recht auslegt, sondern darum, wem es zu heiraten erlaubt sein sollte.