wer sich je gefragt hat, warum die modernen staaten so beharrlich religion und regierung trennen, liegt eine der antworten in rom, in einem der raffiniertesten und schamlosesten manipulationsmechanismen der antike. dort wurde der wille der götter zu einer waffe, um den willen des volkes zu blockieren.
man stelle sich die im rom des 5. jh. v.u.z. übliche szene vor. die führer der plebs haben endlich die stimmen beisammen, um ein für sie günstiges gesetz durchzubringen; der patrizische senat ist in die enge getrieben, und die abstimmung scheint unaufhaltsam. und dann, im entscheidenden augenblick, blickt ein magistrat oder ein patrizischer priester zum himmel auf, beobachtet den flug eines vogels oder das aufblitzen eines blitzes und erklärt, dass die götter die versammlung nicht billigen. von rechts wegen wird die abstimmung auf der stelle für nichtig erklärt. kein argument, kein schwert: ein vogel genügt, um das volk aufzuhalten.
es war kein einfacher blinder glaube: es war als frömmigkeit getarnte parlamentarische obstruktion.
diese kunst nannte man auguration, und sie ruhte auf einem aufrichtigen und tiefen glauben. die römer waren überzeugt, dass die götter ihre zustimmung oder ablehnung durch zeichen in der natur kundtäten — den flug der vögel, den blitz, die art, wie die heiligen hühner frassen. keine wichtige öffentliche handlung — eine wahl, eine versammlung, ein feldzug — durfte begonnen werden, ohne zuvor “die auspizien zu nehmen”. die falle lag nicht im glauben: sie lag bei dem, der ihn verwaltete. das kollegium der auguren, die offiziellen experten, die diese zeichen lesen und deuten sollten, bestand zu dieser zeit ausschliesslich aus patrizischen aristokraten.
dieses monopol verwandelte die religion in einen schlüssel der politik. wer die deutung der zeichen kontrolliert, kontrolliert in der praxis den kalender der macht. das wirksamste werkzeug war die obnuntiatio: die formelle ankündigung eines ungünstigen vorzeichens, die zwang, eine bereits einberufene versammlung auszusetzen (das verfahren wurde erst in der späten republik förmlich geregelt, doch das prinzip des magistratischen auspicium wirkte in diesem jahrhundert bereits). es war vor allem die befugnis der höchsten magistrate — konsuln, prätoren, diktatoren —. das augurenkollegium aber, ausschliesslich patrizisch, legte die doktrin fest, wie die zeichen zu lesen seien: die aristokratie kontrollierte so zugleich die deutung und, durch ihr genehme magistrate, deren politischen gebrauch. es genügte, rechtzeitig zu erklären, dass der himmel dagegen sei, damit die maschinerie des staates jäh stillstand. und tatsächlich schienen sich die götter gerade dann zu widersetzen, wenn die plebs kurz davor war, etwas zu gewinnen. die gottheit wurde mit erstaunlicher politischer treffsicherheit angerufen.
die moderne historiografie sieht hier mit recht weniger naiven aberglauben als ein machtinstrument. das recht, die auspizien zu nehmen und aus religiösen gründen ein veto einzulegen, war eine der grossen reserven der aristokratie, um die reformen der volksfraktion zu bremsen, ohne sich ihnen von angesicht zu angesicht zu widersetzen: sie sagten nicht “wir wollen nicht”, sie sagten “die götter wollen nicht”. es war die vollkommene obstruktion, durch die kollektive frömmigkeit gepanzert und fast unmöglich zu widerlegen, denn den spruch eines augurs zu bestreiten grenzte an sakrileg.
es lohnt sich, die chronologie zu präzisieren. die patrizische exklusivität des augurats war real in den ersten jahrhunderten der republik, dem schauplatz dieses eintrags; doch sie war nicht ewig. mit der zeit setzte der druck der plebs auch dieser bastion ein ende: ein gesetz aus dem ausgehenden 4. jh. öffnete endlich die grossen priesterkollegien, das der auguren eingeschlossen, für die plebejer und entschärfte das monopol zum teil. der kampf um die götter war so eine weitere front im langen krieg um die politische gleichheit.
die auguration hinterliess eine tiefe spur: die vorstellung, dass die macht einer höheren bestätigung bedürfe als der blossen mehrheit, und das risiko, dass diese sanktion manipuliert werde, durchzieht die politische geschichte weit über rom hinaus. tatsächlich ist die lehre, die der westen schliesslich zog — den altar von der regierung zu trennen, damit niemand ein gesetz im namen der götter blockieren könne —, im umkehrschluss tochter solcher erfahrungen. doch nicht einmal die raffinierteste göttliche bürokratie konnte alles. an dem tag, an dem ein feindliches heer die römischen legionen in die enge trieb und das überleben der stadt selbst auf dem spiel stand, half kein vorzeichen: der staat musste sein absolutes notventil ziehen und die ganze macht für sechs monate einem einzigen mann übergeben.