die gallische plünderung roms war in fast acht jahrhunderten das einzige mal, dass ein ausländischer feind die stadt einnahm und niederbrannte, vor den invasionen der späten kaiserzeit. ein einziges mal in achthundert jahren. das trauma sass so tief, dass die römer sich generationenlang daran erinnern sollten als das mass aller denkbaren katastrophen, und sie verdichteten es in zwei worte, die zum sprichwort für die grausamkeit des siegers wurden: vae victis.
nach der niederlage am fluss allia — die die überlieferung in das jahr 390 v.u.z. legt und die moderne historiografie, polybios folgend, gegen 387 — rückten die senonischen gallier auf eine stadt vor, die sie ohne heer zurückgelassen hatten. spätere überlieferung sollte ihren anführer brennus nennen, ein allgemeiner keltischer titel (brennos = häuptling), den die quellen mit einem eigennamen verwechselten; der name erscheint nur bei livius, nicht in den früheren quellen wie polybios. was sie vorfanden, verstörte sie: rom war praktisch leer. der grösste teil der bevölkerung war geflohen, und die gallier, die einen hinterhalt fürchteten, rückten vorsichtig zum forum vor. dort fanden sie nach der berühmtesten erzählung des livius die ältesten senatoren regungslos auf ihren kurulischen sesseln sitzend, in ihren festlichsten gewändern, den tod mit einer würde erwartend, die die gallier zunächst mit standbildern verwechselten.
der zauber zerbrach an einer geste. ein krieger, fasziniert, wagte es, den langen bart eines der greise zu streicheln; und dieser schlug ihn, beleidigt, mit seinem elfenbeinstab auf den kopf. die antwort kam unverzüglich und brutal: der gallier tötete ihn auf der stelle, und das gemetzel weitete sich auf alle anwesenden senatoren aus. rom hatte an einem einzigen nachmittag einen guten teil seiner aristokratie verloren.
vae victis — wehe den besiegten!
was folgte, war die systematische plünderung und der brand der stadt. und hier wird die überlieferung selbst, ohne es zu wollen, zu einem historiografischen geständnis: die römer behaupteten, in dieser katastrophe seien fast alle archive und urkunden der stadt aus der zeit vor der katastrophe verloren gegangen. genau dieser verlust ist der grund, warum uns alles, was diesem punkt vorausgeht — die könige, die gründung der republik, die ersten jahrhunderte —, so legendenumrankt überliefert ist. die späteren annalisten mussten ihre eigene ferne vergangenheit aus mündlichen überlieferungen, denkmälern und viel patriotischer einbildungskraft rekonstruieren. die gallische plünderung ist in gewissem sinne die linie, die das mythische rom vom dokumentierten rom trennt. ein vorbehalt ist allerdings angebracht: die überlieferung beschreibt die stadt als bis auf das kapitol zerstört, doch die archäologie bestätigt nur örtlich begrenzte brandschäden —vor allem auf dem palatin—, nicht die einäscherung der ganzen stadt; und der verlust der archive selbst ist eher eine umstrittene lesart als eine gesicherte folge der plünderung.
der widerstand jedoch gab nicht völlig auf. ein kern von kämpfern hatte sich auf dem kapitol verschanzt, dem höchsten und am besten verteidigten hügel, und die gallier vermochten ihn nicht einzunehmen. mit der zerstörten stadt, doch der zitadelle noch unbezwungen, und mit nachrichten von schwierigkeiten in seinem eigenen nördlichen heimatland willigte brennus ein, seinen abzug gegen ein lösegeld auszuhandeln: tausend pfund gold.
die szene der zahlung wurde zur bittersten episode des römischen stolzes. während man das gold wog, beschwerten sich die römer, die gallier benützten falsche gewichte, manipuliert, um mehr metall einzufordern als vereinbart. brennus, weit davon entfernt, sich zu entschuldigen, zog sein schwert und warf es auf die waagschale, fügte ihre schneide der waage hinzu und sprach den satz, der das gesetz des stärkeren für immer zusammenfassen sollte: vae victis, «wehe den besiegten!». der besiegte verhandelt nicht; er zahlt, was der sieger bestimmt.
die moderne geschichtsschreibung liest einen guten teil dieser details — die senatoren als standbilder, der bart, die waage, der exakte satz — als dramatisierung der annalisten, die die demütigung in eine moralische erzählung von widerstand und würde verwandelten. der historische kern dagegen ist solide und verheerend: zu beginn des 4. jh. nahm eine schar gallier rom ein und brannte es nieder, metzelte einen teil seiner elite nieder und zwang die stadt, ihr überleben zu erkaufen. die wunde sass so tief, dass sie das militärische selbstverständnis jahrhundertelang prägen sollte — eine fast religiöse furcht vor dem «gallischen schrecken». doch bevor brennus sein lösegeld einstrich und abzog, sollte die stadt noch eine letzte karte ausspielen auf jenem hügel, den die gallier nicht zu nehmen vermochten — und sie spielte sie, der überlieferung nach, mit einem schwarm vögel.