stich von hermann vogel: das geschlagene römische heer zieht gebeugt und entwaffnet unter dem samnitischen joch, einem rahmen aus speeren, nach der demütigung an den kaudinischen pässen.
hermann vogel · gemeinfrei
ereignisse

die schmach der kaudinischen pässe

fvrcvlae cavdinae

veröffentlicht aktualisiert

epoche
frühe republik

im jahr 321 v.u.z. werden in einem engpass der apenninen zwei römische konsularheere ausweglos eingeschlossen. der samnitische feldherr gaius pontius tötet sie nicht: er zwingt sie, die waffen niederzulegen und unter dem joch hindurchzugehen, die schlimmste schmach, die ein römischer soldat erleiden konnte.

man kann ein ganzes heer vernichten, ohne einen einzigen pfeil abzuschießen. ein berg und ein wenig list genügen. im jahr 321 v.u.z., mitten im zweiten krieg gegen die samniten, lernten die römer dies am denkbar schlimmsten ort: einem schmalen pass der apenninen, dem die überlieferung einen namen gab, der jahrhundertelang schande bedeutete, die kaudinischen pässe —furculae caudinae—, in kampanien, nahe der stadt caudium. dort floss kaum blut, und gerade deshalb erwies sich die wunde als unheilbar.

zwei konsularheere, befehligt von titus veturius calvinus und spurius postumius albinus, verfolgten einen schwer fassbaren feind. zuversichtlich drangen sie in einen engen pass ein, im glauben, sie schnitten sich den weg zur front ab. am ende angelangt fanden sie den ausgang durch eine wand aus gefällten bäumen und felsbrocken versperrt. sie machten kehrt, um den zurückgelegten weg rückgängig zu machen, und entdeckten, dass die samniten in ihrem rücken auch den eingang verriegelt hatten. sie steckten in einem kasten aus stein, ohne proviant und wasser, ohne feind, den sie hätten angreifen können, und ohne gelände, über das sie hätten fliehen können. der plan stammte nicht von gaius pontius, dem samnitischen anführer, sondern war das ergebnis eines vollkommenen hinterhalts: den krieg zu gewinnen, indem man den gegner in eine falle sperrt, aus der man nur durch den hunger entkommt.

was danach geschah, ist in der schilderung des livius eine der berühmtesten moralischen szenen der römischen geschichte. als die eingeschlossenen römer um bedingungen baten, befragte gaius pontius seinen greisen vater, herennius pontius, einen alten weisen von ansehen unter den samniten. der vater gab ihm zwei entgegengesetzte ratschläge und keinen mittelweg: entweder alle römer wohlbehalten freizulassen, ohne etwas zu verlangen, um auf immer ihre freundschaft zu gewinnen; oder sie bis auf den letzten mann auszurotten, um rom für eine generation zu verkrüppeln. jede zwischenlösung —sie zu demütigen und ziehen zu lassen— wäre die schlimmste von allen. der satz, den livius ihm zuschreibt, wurde zum sprichwort: das römische geschlecht, warnte er, versteht es nicht, nach einer niederlage stillzuhalten.

gaius pontius wollte weder ganz vergeben noch ganz töten und wählte genau das, wovon sein vater abgeraten hatte: die demütigung.

statt des schwertes erlegte pontius ihnen die schmach auf. die römer mussten ihre waffen, ihre pferde und fast alle kleidung abgeben und, einer nach dem anderen und halbnackt, gebeugt unter dem iugum hindurchgehen: zwei in den boden gerammte lanzen und eine dritte waagerecht darüber gebunden, so niedrig, dass sie zum bücken zwang. es war der ritus, mit dem rom selbst seine besiegten feinde gedemütigt hatte, nun gegen es selbst gewendet. zuerst gingen die konsuln hindurch, dann die offiziere nach rang und zuletzt die mannschaft, während die samniten, bewaffnet, sie mit spott und beschimpfungen umringten. für einen römer war dies nicht der verlust einer schlacht: es war der verlust des gesichts vor dem feind, die rückkehr lebend, aber entehrt. die kolonne kehrte schweigend nach rom zurück, mied die ortschaften und betrat die hauptstadt bei nacht, damit niemand die schande sehe.

der eigentliche schlag jedoch war juristischer art und kam danach. um der falle zu entkommen, hatten die konsuln und offiziere ihr wort in einer sponsio verpfändet, einer persönlichen friedensverpflichtung, verbürgt durch sechshundert reiter, die als geiseln ausgeliefert wurden. doch rom fand ein schlupfloch in jener verpflichtung: eine sponsio hatte nicht die kraft eines echten foedus, denn sie war weder vom volk noch von den fetialen ratifiziert worden, den priestern, die für die verträge zuständig waren. zurück in rom erklärte der senat, dass jener pakt nicht die republik binde, sondern nur jene, die ihn beschworen hatten, und das ganze gewicht der schmach fiel auf die konsuln, die ihr wort verpfändet hatten, um die mannschaft zu retten. und dann schlug spurius postumius einen ausweg vor, so verschlagen wie römisch: man solle ihn und die übrigen bürgen, gefesselt und nackt, den samniten ausliefern, damit die unehre auf ihre personen falle und rom vom eid gereinigt sei. gaius pontius weigerte sich, die auslieferung anzunehmen: er begriff, dass es eine list war, um die vereinbarung aufzuheben und den krieg wiederaufzunehmen. er hatte recht.

nun ist die historiografische nuance angebracht, die hier besonders schwer wiegt. fast alles, was wir wissen, stammt von livius, der drei jahrhunderte später aus einer annalistischen tradition schrieb, die darauf erpicht war, die niederlage in eine moralische lehre zu verwandeln. die zahl von vierzigtausend eingeschlossenen männern ist die seine und mit großer sicherheit aufgebläht: die nüchternere berechnung der modernen geschichtsschreibung, die gelehrten wie e.t. salmon folgt, reduziert zwei konsularheere auf etwa zwanzigtausend. die szene des rates des herennius hat einen allzu runden abschluss, den schliff einer konstruierten moral, und es ist bemerkt worden, dass die geografie des livius verdächtig an die erzählungen über alexander den großen erinnert. zuverlässig ist das wesentliche: dass im jahr 321 ein römisches heer ohne kampf eingekesselt wurde, dass es unter dem joch hindurchging und dass rom den pakt verwarf. die moralisierende stickerei ist wahrscheinlich später; die demütigung ist real.

das war im grunde die rechnung, die gaius pontius nicht aufging. sein vater hatte es ihm gesagt: die römer gewinnt man entweder ganz oder vernichtet sie ganz; sie zu demütigen, ohne sie zu zerstören, heißt, eine rache zu säen. und genau das geschah. rom vergaß die kaudinischen pässe nicht; es machte sie zum gründungsunrecht, zur erinnerung, die das niemals-aufgeben rechtfertigte. als die vergeltung kam, kam sie nicht allein mit mehr schwertern. um jene berge zu erwürgen, die es eingesperrt hatten, würde rom lernen, sie mit stein und gerader linienführung zu bändigen, indem es nach süden die erste seiner großen straßen anlegte. die blutlose schmach von caudium wurde am ende, paradoxerweise, zu einer der lektionen, die seine eroberungsmaschinerie am stärksten antrieben.

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fontes classicae.

  1. i. livius · ab urbe condita 9.1-15

moderne bibliografie.

  1. i. e.t. salmon · samnium and the samnites cambridge university press, 1967
  2. ii. t.j. cornell · the beginnings of rome routledge, 1995
dídac
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dídac

softwareentwickler, geschichtsvermittler. schreibt über antike politische geschichte und über die wut, die sein eigenes jahrhundert in ihm auslöst. baut im internet eine encyclopædia romana — und ein paar räume mehr.