das römische reich löste sich nicht friedlich im jahr 476 auf. sein kern hielt fast ein weiteres jahrtausend stand und wurde unter dem donner schwerer artillerie demontiert. am 29. mai 1453, nach dreiundfünfzig tagen belagerung, sprengten die osmanischen truppen die mauern konstantinopels, und der letzte institutionelle erbe des augustus starb mit dem schwert in der hand mitten im gefecht.
um die szene zu verstehen, muss man eine vorstellung akzeptieren, über die die populäre vermittlung gern hinweggeht: das byzantinische reich war das römische reich. seine bewohner nannten sich nicht “byzantiner”, ein etikett, das europäische gelehrte jahrhunderte später erfanden; sie nannten sich selbst rhomaioi, römer, sprachen griechisch, regierten aber mit römischem recht und wussten sich als ununterbrochene erben des am tiber gegründeten staates. was 1453 fiel, war kein beliebiger mittelalterlicher staat: es war im wörtlichen und juristischen sinne das letzte lebende stück roms.
zu jenem zeitpunkt war dieses reich ein schatten. jahrhunderte von kriegen, die katastrophe des vierten kreuzzugs, der 1204 konstantinopel selbst geplündert hatte, und der unaufhaltsame vormarsch der osmanen hatten es fast auf die ummauerte stadt und wenig mehr reduziert. gegenüber stand ihm mehmed ii., ein einundzwanzigjähriger sultan, auf die eroberung versessen,, der für die belagerung einen neuen, verheerenden trumpf mitbrachte: eine artillerie kolossaler bombarden, fähig, die legendären theodosianischen mauern niederzureissen, die in ihren tausend jahren vom land her nie durchschlagen worden waren.
das reich ergab sich nicht auf einem pergament: es erlosch mit dem schwert in der hand.
in der stadt war konstantin xi. palaiologos, der mit ein paar tausend mann — viele davon genuesische und venezianische söldner — einen abschnitt verteidigte, der das zehnfache erfordert hätte. die meisten herrscher in seiner lage hätten die kapitulation verhandelt oder wäre per schiff geflohen, solange sie konnten; tatsächlich bot mehmed ihm an, ihm das leben zu schenken, wenn er die stadt übergebe. konstantin lehnte ab. treu der alten römischen haltung angesichts eines ultimatums antwortete er, er werde alles übergeben ausser der stadt, die nicht sein eigen sei, um sie zu verschenken.
als die mauern in den frühen stunden des 29. mai nachgaben und die janitscharen in massen eindrangen, vollzog der kaiser die geste, die ihn zur legende machen sollte: er legte die kaiserlichen insignien und die purpurgewänder ab, damit niemand ihn erkennen oder als trophäe gefangen nehmen könne, und stürzte sich mit dem schwert voran in den letzten angriff an der seite seiner soldaten. sein leib wurde unter den gefallenen nicht wiedergefunden. weil er sich weigerte, eine dynastische geisel zu sein, wählte er, in der anonymität des gefechts zu verschwinden, ununterscheidbar von jedem anderen verteidiger.
die chroniken muss man freilich mit vorsicht lesen: byzantiner wie dukas und chalkokondyles vermengen die schilderung der tatsachen mit der epik des märtyrers, und das bild des kaisers, der wie ein einfacher soldat stirbt, ist teilweise literarische konstruktion. doch die geschichte gewährt ihm diesmal das ende, das die legende ihm zuschreibt. es gab keine abdankung, keinen vertrag, keinen könig im exil. die linie, die mit augustus begann, fast tausendfünfhundert jahre zuvor, endete nicht mit der unterzeichnung einer kapitulation: sie endete mit einem mann ohne krone, der seinem tod entgegenstürmte, um sie nicht zu übergeben.

