stich: die plebejer erheben sich und ziehen aus rom ab in ihrem kampf gegen die herrschende patrizierklasse, in der sezession der plebs.
allgemeine weltgeschichte (c. 1872) · gemeinfrei
institutionen

die rache der ausgeschlossenen

leges liciniae sextiae

veröffentlicht aktualisiert

epoche
frühe republik

der ständekampf war kein aufstand der hungernden, sondern ein krieg um die ämter, angeführt von einer reichen plebejischen elite. im jahr 367 v.u.z. öffneten die licinisch-sextischen gesetze das konsulat für die plebs und brachten, ungewollt, eine neue aristokratie hervor.

im rom der frühen jahrhunderte konntest du ein ungeheures vermögen anhäufen und für die herrschenden dennoch ein niemand bleiben. das geld kaufte land, klienten und ansehen auf dem markt, aber es kaufte nicht das einzige, worauf es wirklich ankam: das recht zu regieren. dieses recht war jenen vorbehalten, die patrizisches blut vorweisen konnten, und kein plebejischer reichtum öffnete es. diese verschlossene tür aufzubrechen kostete generationen des ringens, und der tag, an dem sie endlich nachgab — 367 v.u.z. —, kam nicht durch einen aufstand der armen, sondern durch die berechnete hartnäckigkeit zweier politiker, die rom an der kehle hatten.

die chroniken, welche die elite sich selbst erzählte, behaupteten, die patrizier stammten in direkter linie von den gefährten des gründers ab, den patres, die romulus für seinen ersten senat ausgewählt haben soll. man muss es unumwunden sagen: das war ein legitimationsmythos, keine tatsache. die modernen historiker lesen es umgekehrt zur überlieferung — nicht die abstammung schuf die macht, sondern die macht erfand eine abstammung, um sich zu verewigen. was diese erzählung abschirmte, war ein sehr konkretes monopol: die höchsten magistraturen, die großen priesterämter und die offizielle deutung des götterwillens, alles in den händen einer handvoll familien, die entschieden, wer ins politische spiel eintrat und wer für immer ausgeschlossen blieb.

hier ist das verbreitetste bild zu zerlegen. der sogenannte ständekampf war in seiner entscheidenden phase kein aufstand der hungerleider gegen satte herren. es gab, ja, echtes leid im hintergrund — schulden, die den bauern in die knechtschaft zogen, von den mächtigen gehortetes öffentliches land —, und die gesetze von 367 griffen auch das an. doch jene, die den kampf anführten und den politischen sieg errangen, waren steinreiche plebejische familien, denen das geld nie die befehlsgewalt erkauft hatte. es war, mit den worten des historikers karl-joachim hölkeskamp, weniger ein krieg des hungers als ein krieg um die ämter: eine ausgeschlossene elite, die ihren platz an der spitze des staates forderte. die hauptfiguren waren zwei volkstribunen, gaius licinius stolo und lucius sextius lateranus.

sie forderten kein brot: sie forderten das recht zu befehlen, das einzige, was das geld ihnen nie hatte kaufen können.

ihre waffe war das veto. livius berichtet im sechsten buch seiner geschichte, dass beide männer, jahr für jahr als tribunen wiedergewählt, die wahl patrizischer magistrate systematisch blockierten. die republik wurde damals nicht von konsuln, sondern von militärtribunen mit konsularer gewalt regiert; licinius und sextius verhinderten, dass auch nur diese ernannt wurden. das ergebnis war, der überlieferung nach, eine periode institutioneller lähmung, in der rom ohne kurulische magistrate dastand und folglich keine legionen auf gewohnte weise ausheben konnte. man muss die zahl relativieren, welche die populäre darstellung gern aufrundet: die meistwiederholte version lässt die tribunen ein jahrzehnt im amt bleiben (um 376–367), doch livius selbst datiert die lücke in den magistraturen auf etwa fünf jahre (375–370), nach denen die patrizier wieder militärtribunen wählten. es waren also nicht “zehn jahre eines landes ohne regierung”, sondern eine langwierige politische belagerung und eine kürzere strecke verfassungsmäßiger anarchie. der druck wurde jedenfalls am ende unhaltbar.

die patrizier gaben nach. die leges liciniae sextiae von 367 waren ein paket: sie erleichterten die schulden, indem sie die bereits gezahlten zinsen vom kapital abzogen, begrenzten auf fünfhundert iugera die menge öffentlichen landes, die ein einzelner bürger besetzen durfte, und schafften vor allem das konsulare militärtribunat ab und bestimmten, dass einer der beiden konsuln von gesetzes wegen ein plebejer sein musste. im folgejahr, 366, wurde lucius sextius lateranus der erste plebejische konsul der geschichte roms. eine einschränkung ist angebracht: ob das gesetz dauerhaft einen der beiden sitze der plebs vorbehielt, ist umstritten; in späteren jahren (zwischen 355 und 343 v.u.z.) gab es zwei patrizische konsuln, und die verpflichtende aufteilung wurde vielleicht erst mit der lex genucia von 342 v.u.z. fest verankert. um den schlag für die besiegte kaste abzumildern, wurde zudem ein neues amt geschaffen, die prätur, die einstweilen den patriziern vorbehalten blieb. die unsichtbare mauer war geöffnet, aber nicht niedergerissen.

die historiographische einschränkung ist hier unverzichtbar, denn der bericht des livius entsteht jahrhunderte später und schleppt das dramatische muster der annalisten mit sich: den kompakten block der “zehn jahre”, die symmetrie der beiden heldengestalten, den runden ausgang. cornell und andere haben gewarnt, dass weder die genaue dauer des interregnums noch der einheitliche charakter des gesetzespakets gesichert sind; wahrscheinlich wurden maßnahmen, die zu verschiedenen zeitpunkten ersonnen und beschlossen wurden, später zu einer einzigen gründungsepisode verdichtet. was sich als historischer kern hält, ist die zentrale tatsache: von 367 an hatte die plebs gesetzlichen zugang zum konsulat, und das ordnete die römische politik für immer neu.

doch der sieg barg eine elegante falle. die öffnung des konsulats brachte weder die demokratie noch löste sie die eliten auf: sie verschmolz sie. die alten patrizischen familien und die reichsten plebejischen familien, jene, die nun die hohen ämter erreichten, hörten auf zu streiten, um sich zu verbünden, und aus diesem bündnis entstand eine neue herrschende schicht — die nobilitas —, nicht mehr durch das blut bestimmt, sondern dadurch, einen konsul im hause gehabt zu haben. diese gemischte aristokratie des amtes, nicht der geburt, sollte rom in den folgenden jahrhunderten wirksamer beherrschen als das geschlossene patriziat von einst. die ausgeschlossenen hatten endlich ihre rache genommen; doch indem sie es taten, öffneten sie die tür nicht für alle: sie erweiterten bloß den klub. der klub freilich sollte die welt regieren.

⁕ video-kapitel ⁕
die rache der ausgeschlossenen
@yodidac · tiktok
die rache der ausgeschlossenen
abspielen
⁕ ⁕ ⁕ apparat ⁕ ⁕ ⁕

fontes classicae.

  1. i. livius · ab urbe condita buch vi

moderne bibliografie.

  1. i. karl-joachim hölkeskamp · die entstehung der nobilität
  2. ii. t.j. cornell · the beginnings of rome
dídac
⁕ über den autor ⁕

dídac

softwareentwickler, geschichtsvermittler. schreibt über antike politische geschichte und über die wut, die sein eigenes jahrhundert in ihm auslöst. baut im internet eine encyclopædia romana — und ein paar räume mehr.

⁕ siehe auch ⁕